B L O G

oder

die unendlich brodelnde Emotionssuppe

 

von

Annelie Jagenholz

 

  • Samstag, 18. November 2017

  • Das Café der Existenzialisten

    Sonntag, 24. September 2017 - in Literatur

    Gedanken zu Sarah Bakewells

    „Das Café der Existenzialisten“

     

    „Der Mensch ist sich immer einen Schritt voraus und erfindet sich erst im Verlauf des Weges, den er beschreitet.“

     

    Ich habe selten ein Buch gelesen, dass so unterhaltsam, klar und informativ über den Existenzialismus und die Charaktere der involvierten Philosophen berichtet, dabei auch wichtige Denkanstöße gibt. Die gesamte Atmosphäre um Sartre, Beauvoir und co in den Pariser Cafés wird lebendig, das Erzählen reicht aber auch zurück auf die Vorreiter, darunter Kierkegaard, Husserl, Heidegger und viele andere.

     

    Anschaulich berichtet Bakewell über die Entstehung einer so einprägsamen philosophischen Richtung, die ja eigentlich mehr eine Art Lebensweise, eine Existenz- und Seins-Bejahung ist, dabei eine Liebe zur Freiheit und zur freien Entscheidung in sich trägt (vor der sich auch viele fürchten). Frei ist man, wenn man eine Entscheidung trifft. Genau und vielleicht nur in diesem kurzen Moment.

     

    Im Grunde wird der Mensch tatsächlich immer dann ernsthaft nachdenklich, wenn sein Leben aus den Spuren kippt, wenn er vor einer Entscheidung steht oder wenn er sich bewusst werden muss, wer er ist und was er will. Das kommt häufiger im Leben vor, als uns manchmal lieb ist und ist gleichzeitig der Punkt, an dem wir reifer werden, reflektieren können und sogar müssen, gerade weil wir selbst betroffen sind und nicht auf das Wissen von anderen zurückgreifen können. Die Entscheidung nimmt uns niemand ab. Wir können sogar entscheiden, uns nicht zu entscheiden, jedoch müssen wir uns damit auseinandersetzen.

     

    Gleichzeitig bleiben solche Momente eine Art Grundtendenz des Seins, auf die bereits Heidegger hinwies, umgeben von Gewohnheiten und Anpassungsprozessen, von gesellschaftlichen Regeln und politischen Entwicklungen. Nach Heidegger gewinnt der Mensch nur durch solche Prozesse im Leben und durch das Bewusstmachen des „Seins zum Tode“ sein wahres und authentisches Selbst. Dem stimme ich zu, und ich kann in diesen Äußerungen kaum faschistische Züge entdecken, auch wenn ich verstanden habe, worauf Bakewell hinauswill, um Heidegger in seinem politischen Denken zu zeigen (als wäre das so einfach festzulegen). Ihre Meinung teile ich nicht, denn die Aussage ist verständlich und richtig, ob sie nun politisch geprägt oder etwas „metaphysischer“ ist.

     

    Wäre der Mensch sich seiner Sterblichkeit nicht bewusst, würde er anders handeln, weniger riskieren, weniger Wünsche haben. Er würde sich wesentlich weniger weiterentwickeln und auch weniger den Blick auf sich selbst oder auf das Gewesene richten. Das ist, was Heidegger vermittelt und was ich in „Sein und Zeit“ aus dieser Aussage geschlussfolgert habe. In Bezug auf die Nazis wäre ein „wahres authentisches Selbst“ inmitten einer streng reglementierten und kontrollierten Politik (die das „Man-Selbst“ durch die Masse doch eigentlich totalitär prägt) auch eher nachteilig. Die "Selbstaufgabe" wäre hier doch vielmehr das Austreten aus dem vorgesetzten Sud.

     

    Wenn Heidegger kein Plädoyer aus dieser „Entschlossenheit, sich den Anforderungen seiner Zeit zu stellen“ gegen diese Art der Gleichschaltung macht, so ist der Kern dennoch enthalten, denn die Aussage zielt in alle Richtungen ab, ist ja gerade der Schritt im Für und im Wider. Immerhin trifft jeder Mensch die Entscheidung für sich selbst, kann sich bewusst für oder gegen etwas einsetzen. Das tut er aber nur durch sein authentisches Selbst.

     

    Laut Heidegger erfordert das Überwinden des „Mans“ immer das selbstständige Denken, alles andere wäre Scheinexistenz „fernab jeglicher Authentizität“. Auch die äußeren Umstände sind keine Ausrede; das schreibt Bakewell in den vorangegangen Seiten selbst. Das ist nichts anderes als Husserls "Verkrustung", die es ja auch gilt, aufzubrechen.

    Das Chaos um Heideggers „Schwarze Hefte“ ist natürlich ein Teilaspekt des Ganzen. Eigenartig (und dann auch wieder nicht), wie der verborgene Mensch den öffentlichen verdrängt oder erneuert, wie sich ein ganzes Werk auf einmal neu oder im Sinne der neuen Erkenntnisse verändert und umdeuten lässt.

    Das wiederum hat Heidegger ebenso erkannt, indem er sagte:

    "Wer sich auf das Unterwegs zum Auftenhalt im Ältesten des Alten einläßt, wird sich der Notwendigkeit fügen, später anders verstanden zu werden, als er sich selbst zu verstehen meinte."

    (Heidegger "Wegmarken")

     

    Der gesamte Aufbau dieses Buches ist dennoch sehr gelungen, an einigen Stellen darf der Leser auch häufiger schmunzeln. Für mich war Bakewells „Café“ eine Bereicherung und gewährte einen unkomplizierten Blick auf viele Werke dieser Philosophen, die man zwar für sich längst erschlossen hat, die aber durch Bakewell wieder farbenfroh aufgefrischt werden, ebenso wie die Zeit ihrer Entstehung.

     

     

    "Es gibt keinen vorgezeichneten Weg, der den Menschen zu seiner Rettung führt; er muss sich seinen Weg unablässig neu erfinden. Aber er ist frei, ihn zu erfinden, er ist verantwortlich, ohne Entschuldigung, und seine ganze Hoffnung liegt allein in ihm."

    (Jean-Paul Sartre im Interview mit Christian Grisoli)

     

     

    (Alle Zitate aus Sarah Bakewell "Das Café der Existenzialisten", C. H. Beck Verlag)

  • Koma

    Dienstag, 25. Juli 2017 - in Lyrik

    An meinen Vater

     

    Um dich herum sind wir Jahrzehnte gealtert,

    während du in Träumen treibst,

    die unerreichbar

    die tanzenden Lichter bewachen.

     

    Du staunst zwischen Schatten,

    die wie Säulen scheinen

    mit spiegelnden Welten

    deiner selbst.

     

    Von außen die Kälte,

    an die wir uns klammern,

    dass jedes Wort zu laut ertönt.

    Von innen das Schicksal der ewigen Siegel.

     

    Selbst du wirst dich nicht erinnern.

     

     

     

     

    ( A. Jagenholz, Juli 2017)

  • Camus und die Freiheit

    Sonntag, 21. Mai 2017 - in Literatur

    Gedanken zu:

     

    Albert Camus

    "Der glückliche Tod"

     

    „Zum Leben braucht man Zeit. Wie jedes Kunstwerk fordert es von einem, das man darüber nachdenkt.“

     

     

    In seinen Tagebüchern hielt Camus häufiger fest, wie lange und intensiv er über das Leben, den Sinn, die Armut, den Reichtum und das Glück in seiner Jugend nachgedacht hat. Er, der aus armen Verhältnissen stammte, kam zu der Erkenntnis, dass nur durch den Besitz von Geld auch Freiheit möglich ist. Diese Auffassung vertrat er zumindest in jungen Jahren, als er noch weit davon entfernt war, durch Schreiben gut zu verdienen. Diese Auffassung vertritt auch sein Protagonist Mersault in "Der glückliche Tod", eine Art Skizze für den späteren Meursault aus "Der Fremde".

     

    Die Meinung mögen manche teilen, an sich ist sie absurd (und natürlich muss dieses letzte Wort in Verbindung mit Camus doch mindestens einmal in einer solchen Rezension auftauchen). Glück und Freiheit hängen nicht von äußerlichen Bedingungen ab, sondern sind eine innere Einstellung zum Leben und natürlich auch an eine Definition gebunden.

    Freiheit in einer durchorganisierten Gesellschaft ist dann möglich, wenn man lernt, in den gegebenen Grenzen frei zu sein oder wenn man bereit ist, auf vieles zu verzichten. Sich frei fühlen - das kann ein Mensch für einen Augenblick oder durch das Umsetzen eines ihn erfüllenden Lebens.

     

    So sehr im Roman auch betont wird, dass nur durch Reichtum Zeit genug bleibt, das Glück und Leben richtig zu erfassen, so sehr wird auch vermittelt, dass es tatsächlich nur wenig zufriedene reiche Menschen gibt. Armut und Reichtum sind beide gleich fordernd mit unterschiedlichen Lebensbedingungen. Freiheit aber ist dann doch etwas ganz anderes.

     

    Camus teilt die Ansicht mit vielen Menschen, dass Geld „die Welt“ öffnet. Er meint aber eher Unabhängigkeit als tatsächlich Freiheit, eine Deutung, die bis heute philosophisch wegdiskutiert wird, ob nun abhängig vom Körper, abhängig vom Staat, von Systemen, Glaube, Job, Familie … usw. Freiheit aber, so wie ich sie verstehe, ist der Schritt, der sich - selbstbewusst ins Leben gesetzt - nach eigenen Regeln als Fußabdruck formt, ein Schritt, der den Weg erst festlegt, der mit jedem weiteren Schritt entsteht. Freiheit ist als Erkenntnis möglich, in den vom Menschen selbst akzeptierten Grenzen, die durch die Akzeptanz dann keine wirklichen Begrenzungen mehr sind.

     

    Wieviele Bedingungen im Leben im Grunde nur Illusion sind, haben nicht nur fernöstliche Schriften und die ZEN-Kultur vermittelt. Das Streben an sich schafft schon die eigenen Gitterstäbe, sich in seinen Erwartungen und Hoffnungen auf das "Mehr im Leben" in gleichen Maßen zu verkleinern. Wir selbst formen die Konturen dessen, was wir sehen und sehen wollen. Freiheit beginnt schon mit dem Loslösen von selbst auferlegten Ketten. Was uns wiederum die Natur an Unfreiheit diktiert, ist letztendlich wenig und hindert uns nicht daran, uns frei fühlen zu können. Im Gegenteil ermöglicht die Natur genau diese menschliche Gabe.

    Hier trifft das für mich schönste und wahre Zitat aus dem Buch den Kern aller Dinge:

    „Wir haben keine Zeit, wir selber zu sein. Wir haben einzig Zeit, glücklich zu sein.“

     

    Bei Epiktet im "Handbuch zur Moral" stehen die bedeutenden Worte:

    "Wer frei sein will, muss nichts begehren und nichts fürchten, was in eines anderen Macht steht."

    Der Weg zur Freiheit führt, laut Epiktet, über die Verachtung der Dinge, die wir nicht in der Hand haben und die uns darum auch nicht tangieren sollten. Der Stoiker nimmt hin, was er nicht lenken kann, ohne zu murren.

    Und auf dem Grabstein von Kazantzakis findet man ähnliche Worte:

    "Δεν ελπίζω τίποτα. Δε φοβούμαι τίποτα. Είμαι λέφτερος.“

    (Zu Deutsch: "Ich erhoffe nichts. Ich fürchte nichts. Ich bin frei.“)

     

    Das sind die Grundtendenzen einer Ahnung dessen, was Freiheit ist. Und ich glaube nicht, dass so eine Freiheit erst im Tod möglich ist, selbst wenn Furcht und Hoffnung nie ganz verschwinden.

    Hört man auf, zu erwarten, regeln sich die Dinge von alleine. Weiß man, dass alles, was uns unglücklich macht auch gleichzeitig zu einer Selbsterkenntnis und einer neuen Stärke verhilft, nähert man sich dem, was Freiheit ist.

     

    Freiheit ist daher nicht nur eine Theorie. Sie wird innerlich geboren, vielleicht unter Schmerzen, wie in gleicher Weise Camus' Protagonist Mersault erst durch Fieber das findet, was er vorher vergeblich gesucht hat.

    Freiheit, Glück – das sind nicht nur Begriffe, sondern eine Erkenntnis, die Zeit benötigt. Und Geld hat im Grunde wenig damit zu tun.

     

    Sicherlich war ein Diogenes trotz dem Leben in der Tonne freier als Alexander der Große, der alles besaß und ihm aus der Sonne gehen sollte. Im Buddhismus gibt es die Geschichte des Königs, der den Bettler in sein Schloss einlädt, um herauszufinden, weshalb er so zufrieden und geachtet ist, dann nicht begreift, was ihn tatsächlich unterscheidet. Der Bettler zeigt ihm, dass er den Luxus genauso wie der König genießt, solange er eingeladen ist, dass aber jederzeit weiterziehen kann, während der König an seinen Reichtum gebunden ist. Auch das ist innere Freiheit, aber noch nicht Glück.

     

    Ein Mensch, der um das tägliche Brot ringt, hat wenig Zeit, um über Freiheit, Glück und Leben nachzudenken. Er schuftet oder ringt um die Existenz. Er flucht und krümmt sich im Unglück. Ihm wird nichts geschenkt, da er innerlich im Grunde gar nicht bereit ist, sich einem anderen Leben zu öffnen. Im Roman heißt es:

    „Wenn man an guten Tagen dem Leben Vertrauen schenkt, zwingt man es, dem auch zu entsprechen.“

    Nur muss das Vertrauen erst einmal aufkommen.

     

    Der Stil in diesem Frühwerk ist noch etwas blumiger als der, den man von den späteren Werken Camus‘ gewöhnt ist, wo er gelernt hat, die Sätze zu verkürzen und das Wesentliche zu zeigen, sei es z. B. in Meisterwerken wie „Der Fall“ oder „Die Pest“. Angekreidet wurde ihm auch häufig der unorganisierte Aufbau und viele unzusammenhängende Szenen, die mich allerdings weniger gestört haben.

    In „Der glückliche Tod“ zelebriert Camus die Landschaft, die Wärme, das Licht. Er schafft durch Bilder die heimatliche Atmosphäre, die auch den Leser erreicht, selbst wenn die Sätze noch nicht ausgefeilt sind. So erahnt man das funkelnde Meer, die Gerüche, den Staub, das Salz auf der Haut und den Geschmack der Früchte. Man erahnt die durch alles durchschimmernden Möglichkeiten des Lebens.

     

     

    Der Roman beginnt mit einem Schuss in den Kopf eines Krüppels, der einen Abschiedsbrief hinterlässt, den er vorsorglich schon viel früher geschrieben hat. Geschossen hat aber nicht er selbst, sondern Patrice Mersault. Der Leser muss für sich klären, inwieweit dieser Tod erwünscht war oder ob Mersault aus Habgier die Entscheidung vorschnell für beide getroffen hat, um an das Kapital des Krüppels zu gelangen. Gelernt hat er von diesem, dass der Mensch ein Recht auf Glück hat und dass er verstehen muss, dass das Streben nach Glück den einzigen wirklichen Wert ausmacht, wofür aber auch ein gesunder Körper notwendig ist.

     

    Gerade der vom Leben geprüfte Krüppel Zagreus erkennt zu spät, dass es mehr im Leben gibt als Erfolg und Geld. Er sieht darum umso deutlicher, dass der gesunde und junge Mensch die Einfachheit des Lebens nicht anerkennen will, so auch Mersault mit seinen ewigen Selbstzweifeln und Maskeraden, von denen jede Maske für ihn die echtere und bessere ist, sobald sie seiner Stimmung entspricht. Dennoch sind sie Masken, die fallen müssen.

    Weit entfernt davon, einen Menschen zu lieben, macht sich Mersault nach dem Schuss auf die Suche nach dem Glück, da er nun über genügend Geld verfügt. Er durchquert große Städte wie Prag und Wien, um sich selbst zu erkennen, verfolgt von seinem Schuldgefühl und einem Fieber, das ihn häufiger überfällt, bis er schließlich in Algier landet.

     

    Was ihn, noch bevor der Schuss erfolgte, am Glück hinderte, so Mersault, war der träge Bürojob, der nicht zuließ, dass er wahrhaft frei sein konnte. Aber „das Bedürfnis nach Freiheit und Unabhängigkeit ist nur bei einem Menschen denkbar, der noch von Hoffnung lebt.“

     Mersault kommt dem näher, als er in Algier mit Freunden im „Haus vor der Welt“ lebt und sein Dasein mit einem Scheinjob rechtfertigt, den er von dem Blutgeld aufrechterhält, das er Zagreus abgenommen hat, für den befreienden Akt, dessen Leben ohne Körper ein Ende zu bereiten.

    „Ich würde kein Experiment aus meinem Dasein machen. Ich selber würde das Experiment meines Lebens sein…“, sagt sich Mersault. Am Meer, in der brennenden Hitze, zwischen glühenden Körpern und in den glasklaren Sternennächten von Algier erahnt er die Möglichkeiten, die das Leben bereithält. In diesen Textpassagen schimmert auch viel Autobiografisches durch. Und tatsächlich muss der Mensch erst lernen, glücklich zu sein. Das ist eine These, die Camus sehr häufig vertreten hat, wenn auch hier, im Roman, mit gewissen Einschränkungen:

    „Nur braucht es, um glücklich zu sein, Zeit. Sehr viel Zeit. Auch Glücklichsein erfordert viel Geduld. Und in fast allen Fällen bringen wir unser Leben damit hin, Geld zu verdienen, während man Geld haben müsste, um Zeit für sich zu gewinnen.“

     

    Das, was er mit dem Job erreicht, ist Unabhängigkeit, eine, bei der er nicht erklären muss, was er tut.

    „Es genügt tatsächlich, der Welt ein Gesicht vorzuzeigen, das sie verstehen kann.“

     

    Nach einer oberflächlichen Heirat mit der egoistischen Bedingung, dass seine Frau Lucienne ihn nur dann aufsuchen soll, wenn er sie benötigt, kauft sich Mersault ein abgelegenes Haus, um sich in der Einsamkeit zu erproben, die ihn erschreckt, dann läutert, bis die ersten Anzeichen seiner Krankheit durchschimmern und ein neuer Weg bevorsteht.

    Die Andeutung zuvor, dass der Tod das Leben begleitet, endet in der Vertiefung vom Glück und Willen zum Leben. Denn nur wer alles ausschöpft, wird die Angst vor dem Tod überwinden, weil er nichts mehr zu verlieren hat und auf das Leben als Geschenk zurückblickt. Wer Angst vor dem Tod hat, klammert sich an das, was lebendig ist und an die noch nicht entschiedenen und gelebten Ideen und Handlungen.

    Der Tod repräsentiert dann all das, was nicht gelebt wurde, ein Leben, das im Grunde dann auch nicht existiert. Das Nichts geht über in ein Nichts. Es ist schade, wenn der Mensch das alles erst kurz vor seinem Tod begreift. Wer sich dem Leben jede Sekunde bewusst ist, wird auch die für ihn notwendigen Entscheidungen treffen.

     

    Die Quintessenz des Romans ist die Einsicht, die Mersault am Ende gewinnt:

    „Man wird nicht stark, schwach oder eigenwillig geboren. Man wird stark, man erwirbt einen klaren Blick. Das Schicksal liegt nicht im Menschen, sondern es umgibt ihn.“

    Das also, was wir Schicksal nennen, ist das, was wir aus uns machen. Wir sind Schöpfer unserer selbst, und diese Einsicht teile ich dann auch wieder mit dem damals noch jungen Camus.

     

     

    (Alle Zitate aus Albert Camus "Der glückliche Tod", Rowohlt Verlag. Rezension: Annelie Jagenholz)

  • Schmerz als Motiv

    Samstag, 11. März 2017 - in Das Ich - Reflexionen

    Das Problematische bei der Präsentation von Kunst ist der Umstand, dass viele Betrachter versuchen, den Künstler über das, was er abbildet, zu definieren (wenn es ganz schief läuft, sogar charakterlich in eine Schublade zu stecken). Das ist besonders dann der Fall, wenn er wenig von sich preisgibt.

    Sind die Bilder düster und zeigen schmerzhafte Emotionen, wird dem Künstler diese Emotion natürlich sowieso unterstellt, wobei ein Kern Wahrheit nicht abgestritten werden kann, denn er beschäftigt sich immerhin mit dem Thema. (Nichts aber ist mir unangenehmer als Menschen, die glauben, in Bildern lesen zu können. Statt den Spiegel in der eigenen Reflexion wahrzunehmen, den der subjektive Blick immer bewirkt, halten sie sich für neugierig scharfsinnige Psychologen, selbst dann, wenn sie nichts über den Menschen oder Künstler wissen.) Es steckt nun einmal mehr dahinter als einfach eine rein morbide Ader oder der Hang zur Depression, wenn das Motiv düstere Abgründe offenbart, wobei auch ich mich häufig dabei ertappe, über das, was ich abbilde, länger zu rätseln. Weniger erschreckt mich natürlich das Motiv (da ich den Hintergrund und Zusammenhang kenne) als die Vorstellung, wie das Bild mich seelisch entkleidet, wie es allgemein seine Wirkung entfaltet.

     

    Es ist gleich schwierig, ein düsteres und tiefes oder schönes und bereicherndes Motiv zu gestalten. Die Provokation durch Schock ist ein Bestandteil der Kunst und Fotografie, ein Abbild zu kreieren, das andere glücklich machen könnte, ist eine wahre Herausforderung, die neben dem Unerreichbaren der Perfektion auch daran scheitern kann, dass das Schöne häufig zu Kitsch gerät oder nur das allzu glatte Nichts darstellt, das keine Wirkung entfaltet. Ebenso kann ein düsteres Bild einfach nur provozieren, statt eine Frage zu stellen oder der Ausdruck einer Suche zu sein. Und dann nützt es nicht viel ...

     

    Schmerz, Leid, Tod, Blut – die dunklen Begleiter des Lebens –, in ihnen liegt etwas sehr Abstoßendes und gleichzeitig eine ewig menschliche Faszination. Nicht jeder möchte so etwas sehen, aber entziehen kann man sich genauso wenig. Wie ich am offenen Grab den Anblick fürchtete, schaffte ich es dennoch nicht, keinen Blick hineinzuwerfen, und schon die Umrisse des zerfallenen Sargs waren morbide und erschütterten mich, da sich natürlich automatisch eine Welt an Deutungen und Ängsten vor meinem inneren Blick auftat, Bild auf Bild die Albträume zurechtrückte, die mit solchen Bedingungen im eigenen Schädel kreisen, begleitet von der Erleichterung, zum Glück doch nichts gesehen zu haben oder nicht das Gefürchtete – den zerfallenen Leichnam, Knochen, den Schädel mit dem grinsenden Abdruck, Fleischreste ... (des einst lebendigen und geliebten Menschen).

     

    Damit gerechnet habe ich durchaus und gleichzeitig auch nicht, so wie man sich sagt, es wird schon alles gut oder es betrifft mich nicht. Und ich wüsste nicht zu sagen, wie mich der Anblick tatsächlich schockiert hätte, wäre da nicht genügend Erde gewesen, um das Wesentliche zu verdecken, wobei ein halb ausgehobenes Grab schon an sich Grauen weckt und verteilte Wirbel und Knochen auf anderen Gräbern ebenso, die man höchstens noch umdenken, geistig zu Tierkadavern oder Hühnerknochen gestalten kann. Doch es sind Reste von Menschen aus einer nur einen Meter tiefen, umgegrabenen Erde. Da fragt man sich wirklich, ob es nicht besser ist, einfach zu Asche zu werden.

     

    Ein wichtiges Detail solcher „Versuchungen des Hinsehens“ liegt in der Unvorstellbarkeit, in der Hoffnung, nichts zu sehen, die dann durch die Bestätigung erst einmal Erleichterung verschafft. Dass hinterher der Kopf ständig mit dem Thema beschäftigt ist oder sogar die Anwesenheit von Geistern in Betracht zieht, nur weil einem auf einmal ein kalter Luftzug um die Nase weht, ist eine andere Sache. Aber man kann sich diesem Drang eindeutig kaum entziehen. Ich würde zwar nicht so weit gehen, mir, wie Bataille, das Foto einer lebendigen Häutung auf den Schreibtisch zu stellen, überhaupt Fotografien mit deutlich erkennbaren Greuelmotiven anzusehen, doch in der Kunst bin ich mutiger und blicke auf Radierungen von Goya oder Goltzius, auf die tizianische Darstellung der Schindung Marsyas oder die Enthauptung Holofernes durch Judith bei Caravaggio. Und konfrontiert mit Unfall oder Tod ist es immer schwierig, wegzusehen, selbst wenn man lieber wegsehen möchte.

     

    Susan Sontag hat es in ihrem Buch „Das Leiden anderer betrachten“ vielleicht gut erfasst. Sie schreibt:

    „Dieser Blick auf den Schmerz, auf das Leiden anderer ist im religiösen Denken verwurzelt, das den Schmerz mit dem Opfer und das Opfer mit Erhebung verbindet …“

     

    Auch wenn die moderne Welt alles Religiöse und Spirituelle aus dem Denken und Fühlen verdrängen möchte, bleibt eine Art Urinstinkt zurück, mit dem wir auch in moderner Zeit durch viele Bedingungen immer noch konfrontiert sind, und sei es durch Literatur oder Kunst. Das qualvolle Leiden von Christus am Kreuz ist ein begleitendes Element und Bild durch alle Zeiten hindurch. Tatsächliche Erschütterung hat es bei mir zwar nur als Kind ausgelöst, wenn die Darstellung besonders detailliert erfolgte, ich demnach auch die verzerrten Gesichtszüge und einzeln in Hand und Füße geschlagenen Nägel erkennen konnte, aber wie tief es wirklich gewirkt hat, kann ich kaum nachvollziehen.

     

    Der Hindu wächst mit dem öffentlichen Verbrennen von Leichen auf. Der Moslem hüllt seine Toten in einfache Tücher und verscharrt sie im Boden. Der Christ hält eine Zeremonie ab, um den Toten zu verabschieden, legt ihn in einen Sarg und versenkt ihn in der Erde. Alle haben ihre Rituale, und der Tod ist nicht immer nur mit Schrecken verbunden (man denke z. B. an die Kapuzinergruft von Palermo). Er bleibt ein natürlicher Bestandteil des Lebens, wie auch der Abschied oder das Stehen am Grab die Verbindung zwischen Leben und Tod festigt. Am Toten lässt sich im Sarg erkennen, dass er endgültig weg ist. Schwieriger wird die Vorstellung beim Blick auf die Urne. Die Konfrontation mit einem Leichnam von Angesicht zu Angesicht ist deutlich intensiver.

    Der Zurückgebliebene versucht neben Abschied und Trauer über den Toten hinaus etwas über sich selbst zu erfahren, den Tod genauer zu erfassen, zu begreifen, zu deuten … Er findet zwar wenige Antworten, setzt sich jedoch mit dem Thema auseinander, ob er will oder nicht. Inmitten des Kummers kann nichts verdrängt werden. Er packt einen, umhüllt einen, erneuert einen, und durch den Tod wird das Leben neu hinterfragt. Der Prozess der Entwicklung erfolgt in kleinen Schritten. Und nichts anderes tut der Künstler. Er bedient sich dieser Suche durch schöpferische Darstellung. Er verarbeitet, stellt Fragen, hält fest ... Sichtbarer wird er dadurch nicht. Höchstens durchsichtiger.

     

    (Mehr Zeichnungen an dieser Stelle: Jagenholz - Neue Zeichnungen.)

     

  • Sarg im Grab

    Montag, 6. März 2017 - in Tag-Gedanken

    Kaum geschlafen. Um sechs Uhr morgens klingelte der Wecker. Alles war noch dunkel. Das Leben der anderen … mir selbst erschien es wie ein surrealer Film.

    Der Friedhof lag unter Wolken, jedoch ohne Regenschauer. Die Düsternis entsprach unserer Stimmung. Das Grab war bereits zur Hälfte ausgehoben.  Der Sarg war zu sehen, die innere Verkleidung. Eine nackte Grube ohne Beständigkeit.

     

    In Griechenland werden die Toten nicht verbrannt. Die Grabstätte ist für den Lebendigen, nicht für den Toten. Am Ende hat man nicht einmal das. Nach drei Jahren muss das Grab geräumt werden, um für den nächsten Toten Platz zu schaffen. Die Knochen werden in die Familiengruft oder in ein Massengrab geworfen.

     

    Viele Gräber wurden an diesem Tag ausgehoben, teilweise waren sie bereits leer. Wir hatten auf den Priester, dann auf den Gutachter zu warten, der abschätzen sollte, ob die Knochen für eine Umbettung bereits geeignet sind. Die Auflösung und der Zersetzungsprozess des toten Körpers hängen von vielen Faktoren ab. Zuvor wurde die „Schuld“ beglichen. Alles hat seinen Preis.

     

    Das Umbetten von Knochen – ein gleichzeitig träger und grausamer Akt gegen die Totenruhe, gerechtfertigt durch die Worte des Priesters, der das Gebet spricht und den Wein verschüttet. Nicht weit in der Ferne erblickte ich andere Angehörige an einem Grab und einen Menschen im Grab, der schaufelte. Danach Tränen, auch bei den Männern. Der Friedhofangestellte trug im Sack die schwer wiegenden Knochen davon. Er lief gebückt und mir lief ein Schauder über den Rücken.

     

    Auch bei uns kam der Begutachter, schaufelte die Erde und Kleidungsreste in eine Mülltonne. Ich stand mit dem Rücken zum Grab, wollte mir den Anblick ersparen. Dieser schrecklich dumpfe Klang beim Auftreffen der Masse auf dem Boden der Tonne… im Geist sah ich den bildhaften Flug von Leichenresten, zuckte bei jedem Aufprall zusammen. Im Geist sah ich vieles, das mir den Kopf entleerte …

     

    Und dann die traurige Mitteilung … es geht noch nicht. Drei Jahre waren nicht ausreichend. Vielleicht das kalte Wetter, die Medikamente … man weiß es nicht. An ihr war eigentlich kaum noch etwas dran. Abgemagert, so dass selbst die nahe Verwandtschaft sie nicht erkannte, dass sie auf dem Totenbett gesünder und frischer wirkte als im Krankenbett …

     

    Alles wird wieder verscharrt, um ein Jahr verlängert, bis sie ins Familiengrab darf. Wer will schließlich die Knochen abschaben lassen … Ein Angebot, das gemacht wurde und auch Geld kostet. Nein, wirklich nicht. Drei Jahre sind einfach zu wenig. Kein Wunder, das auf allen Gräbern im Sand Menschenknochen, Wirbel, Glieder verteilt liegen. Erinnern an tierisches Gebein … ein zu hastig verzehrtes Hühnchen. Der Kadaver der Abstraktion.

    Ich kann keine Verbindung zum Menschen herstellen, obwohl ich genau weiß, dass es Menschenknochen und Reste sind. Auch ihre Knochen sind nicht SIE. Ich kann auch keine Verbindung zu mir oder den Tod eines Lebenden herstellen. Und will es auch gar nicht…

     

    Ich hielt Ausschau nach dem weißen Schmetterling, den Begleiter der Seele. Es ist zu früh in der Jahreszeit. Dennoch wurde ich schnell beruhigt. Eine Taube setzte sich auf das Grab nebenan. Sie hatte weißes Gefieder.

     

    Der Tod riecht chemisch. Der Zersetzungsgeruch bleibt haften … am Körper, im Haar, in den Kleidern, in der Fantasie. Ist das der Totengeruch, der in Büchern beschrieben wird? Den ich auch am Sarg wahrnahm, nicht sicher, ob er von den stark riechenden Blumen kam?

  • Geschick

    Dienstag, 24. Januar 2017 - in Lyrik

    Geschick

     

    Klettert langsam den Himmel hinauf

    flüchtiges Fleisch, gekrümmt von Geist.

    Flimmert wie Augen,

    die Toten begegnen.

     

    Und Lücken täuschen als Licht die Welt.

    Versunkene Schatten

    im Maul des Seins.

    Lässt Spuren zurück, gekratzt in Stein.

     

     

    Mehr hier: (Neue Gedichte, 2017, © A. Jagenholz)

  • Art & Life

    Dienstag, 13. Dezember 2016 - in Zitate

    "Wenn wir unser Leben vereinfachen, erhält alles eine bis dahin unbekannte Bedeutung. Wenn wir mit uns eins sind, erhält der unbedeutendste Grashalm seinen richtigen Platz im Weltall.“

     

    (Henry Miller "Big Sur oder die Orangen des Hieronymus Bosch")


  • Das Buch vom Es

    Dienstag, 6. Dezember 2016 - in Literatur

    "Das Buch vom Es" von Georg Groddeck 

    Eine späte Rezension

     

     

    Ein interessante Entdeckung ist „Das Buch vom Es“, bestehend aus Briefen, die der Arzt und spätere Psychoanalytiker Georg Groddeck alias Patrik Troll an seine Freundin schreibt, um ihr seine Sicht über die inneren Abgründe und das Unbewusste im Menschen, das er als ES bezeichnet, zu erläutern. Groddeck war (natürlich und merklich) ein Jünger Freuds, während Freud sich dann später an dessen ES bediente. Groddeck alleine ging dann so weit, die unbewusst mentalen Vorgänge auch auf die körperlichen Eigenschaften und Beschwerden zu beziehen, um so eine bessere Heilung zu ermöglichen.

     

    Die Briefe sind teilweise ernst, aber auch humorvoll verfasst, immer von einem Zwinkern begleitet. Groddeck oder sein Alter-Ego Troll erheben keinerlei Anspruch auf „die Wahrheit“. Er verweist nur auf das, was er als Mediziner erkannt hat. Dazwischen ist auch viel Deutung, die meistens auf das Sexuelle zurückführt.

    Die Briefe wechseln zwischen persönlichen Erfahrungen und dem Versuch, die eigenen Erkenntnisse in Worte zu fassen. Der Zweifel an dem Berichteten geht dabei Hand in Hand mit dem Augenzwinkern. Das liest sich unglaublich erfrischend und spannend.

     

    Um was also geht es?

    Das ES ist für Groddeck eine Art Grundsubstanz, die auch in viele ES ausströmt und wirkt, und dabei alles erschafft.

    Bevor das Hirn da ist, schafft das ES sich ein Hirn. Bevor die Atmung und Lunge vorhanden sind, werden sie vom ES geformt.

    Das Es ist eine Art Vorher, ein Vorhandenes, das Organe und den gesamten Aufbau des Organismus bewältigt. Das bewirkt ebenfalls, dass später der lebendige Leib und das Gehirn durch das ES kontrolliert werden und genauso verändert werden können. Das ES von Groddeck ist also keinesfalls nur das Unbewusste.

     

    „Das Es lebt den Menschen, es ist die Kraft, die ihn handeln, denken, wachsen, gesund und krank werden lässt, kurz, die ihn lebt.“

     

    Dieses ES kontrolliert die gesamten Gewohnheiten des Menschen, dessen Leben in erster Linie aus Verdrängungen besteht.

    Seit der Kindheit beginnt der Mensch durch aufgezwungene Verbote all das zu verdrängen, was ihm zuvor ganz natürlich war. Das Kind ist arglos, und kehrt der Mensch später durch Erkenntnis zum Kindlichen (nicht Kindischen) zurück, kann er sich befreien oder wird sich wenigstens der Mechanismen durch sein Es bewusster. Da fallen der Freud’sche Ödipuskomplex, die Kastrationsangst und die Onanie gleich schwerwiegend ins Gewicht, während alles Symbol wird und Hinweis auf Verdrängung bleibt.

     

    „Sie wissen, Erziehung beseitigt nichts, sie verdrängt nur.“

     

    Im Grunde, so Groddeck, ist der Mensch ein reiner Narziss. (Selbst Geschlechtsverkehr ist nur Ersatz für die Onanie, nicht umgekehrt, und für die Selbstbefriedigung sucht der Mensch nach allen vorhandenen Möglichkeiten, die ihm das Leben bietet, darunter eben auch andere Menschen. Daher ist der Fortpflanzungstrieb nicht das treibende Element, sondern vielmehr die Lust an der Befriedigung.)

    Der Mensch liebt nicht andere, sondern ausschließlich sich selbst, ist daher auch sein Leben lang (bewusst oder unbewusst) bisexuell, da er sich der Menschen nur für den Zweck der Lustbeschaffung und Selbstbefriedigung bedient. Diese Lust, wen wundert es, betrachtet man die gesellschaftlichen Tabus vergangener und heutiger Zeiten, bleibt eines der wesentlichen Schuldkomplexe und Verdrängungsmuster und zieht häufig unbewusste Selbstbestrafung nach sich. Während der Mensch Bescheidenheit lehrt, ist er einzig eitel und auf sich selbst bezogen. Das gesamte Streben ist darauf ausgerichtet.

     

    Nach Groddeck heißt es nicht umsonst aus dem Mund Jesus: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Es heißt nicht: Liebe deinen Nächsten mehr als dich selbst. Auch Homosexualität ist für ihn dann nichts anderes als Selbstliebe, Narzissmus und Selbstbefriedigung zum Zweck der Lustgewinnung.

     

    Der Narzissmus zeigt sich nach dieser Theorie in allem. Jeder Mensch nimmt nur das in seiner Umwelt wahr, das ihn selbst betrifft und was er selbst ist. Alles, was ihm begegnet, sei es Ding, Mensch oder Idee, projiziert er auf sich selbst und sich selbst auf die Dinge, Menschen, Ideen. Dann ist es auch nicht verwunderlich, dass er in anderen Menschen meistens das verurteilt, was er selbst unbewusst begehrt (wer die Lüge verabscheut, ist selbst ein Lügner, alleine darum, weil er nicht nur das geeignete Wissen für die Erkenntnis hat, dass der andere gerade lügt, sondern weil er mit dem eigenen Schuld- und Verdrängungsprozess konfrontiert wird und sich dagegen wehrt, indem er dann abschätzend mit dem Finger auf andere zeigt und die Schuld so von sich ablenkt.)

     

    Verdrängung ist der Grundmechanismus des Lebens und damit die Eigenschaft des ES, das aufgrund dieser Basis handelt. So ist es gleichermaßen kulturschaffend und kulturzerstörend, ermöglicht hohe Dichtung und Mord. Dazu fühlt sich der Mensch von Natur aus zum Leid hingezogen und sucht unbewusst Situationen, die ihm den ersehnten Schmerz, sei es geistiger oder körperlicher Art, ermöglichen, was ein Akt der Selbstbestrafung und die Verdrängung der Schuld ist. Selbst diese Neigung wird alleine durch das ES bestimmt.

     

    Das ES meldet sich immer dann, wenn der Verdrängungsprozess mit Schuldgefühl einhergeht, ohne bestimmte Bedingungen voneinander zu trennen. Das Es ist nicht rational und denkt auch nicht rational, sondern in anderen Dimensionen reinen Ausdrucks.

    Für das ES existieren keine Grenzen oder abgegrenzten Begriffe. Es arbeitet alleine mit Begriffsgebieten und Komplexen. So kann ein innerlicher Vorwurf genauso Bestrafung nach sich ziehen wie der Wunsch nach Befriedigung, ohne dass der Mensch das Schuldbewusstsein erkennt.

    Das führt soweit, dass nicht nur Gewohnheiten angenommen werden, die unbewusst ausgeführt werden, sondern auch schlimme Krankheiten entstehen, die nicht nur eine psychosomatische Ursache haben, sondern auch ein einfacher Armbruch sein können.

    Für Groddeck steht fest, dass der Mensch, der sich den Arm bricht, die Verletzung unbewusst durch sein ES provoziert. Die Erkrankung, welcher Art auch immer, ist das Symbol, dessen sich das ES bedient, um den innerlichen Vorgang auszudrücken. Groddeck bezeichnet es als das „Theaterspiel des Es“.

     

    In den Briefen berichtet er auch viel von sich selbst, seiner Kindheit, seinen eigenen Komplexen, Verdrängungen, Erkenntnissen, erzählt darunter, wie er seine Sichtweise vom Mediziner zum Analytiker gewechselt hat, wobei er ein Gegner der Wissenschaft ist.

    Wo er zuvor Helfer war, also Arzt, wurde er selbst im Laufe seines Lebens krank und lustlos, so dass eine Patientin durch ihr ES auf einmal Einwirkung auf sein ES und damit sein Verhalten und Denken hatte. Auch das geschah zunächst eher unbewusst.

    Dadurch erkannte Groddeck, dass alles Symbol ist und dass Symbole auch der Ausdruck des ES sind. Dieses unterscheidet nicht in mentale und physische Bedingungen, auch nicht in gute oder schlechte Taten. Es handelt, um den Menschen mit Hilfe eines Symbols etwas zu verdeutlichen, sei es, seine Schuld, sei es, um ihn von bestimmten Absichten oder Gedanken fernzuhalten, usw.

     

    So ist auch die Krankheit letztendlich keine Gegner oder etwas Negatives, sondern der Ausdruck des individuellen ES, auf den Groddeck reagiert. Aber nicht als Ratgeber und Arzt, sondern als Erforscher, der versucht, den Hintergrund aufzulösen, weshalb das ES bei seinen Patienten die Krankheit überhaupt ins Leben gerufen hat. Nach Groddeck wird die Krankheit dann aufgelöst, wenn die Ursache bekannt ist, z. B. eine Verdrängung oder die Angst vor der Kastration oder der simple Mutterkomplex. Dabei ist das ES strafend und heilend zugleich.

    Groddeck sagt, die Natur heilt. Das ES heilt in gleichen Maßen wie es die Krankheit hervorruft. Nicht er als Arzt ist der Heiler, sondern trägt nur als Berater dazu bei, dem ES die Heilung zu ermöglichen.

     

    Mitunter kommen ihm auch sehr buddhistische Erkenntnisse, die er in Worte zu fassen versucht, während er dabei immer sympathisch lächelt.

     

    „Ich ist durchaus nicht Ich, sondern eine fortwährend wechselnde Form, in der das Es sich offenbart, und das Ichgefühl ist ein Kniff des Es, den Menschen in seiner Selbsterkenntnis irrezumachen, ihm das Sich-selbst-Belügen leichter zu machen, ihn zu einem gefügigeren Werkzeug des Lebens zu machen.“

     

    Nach Groddeck erlernt der Mensch sein Ich, das allmählich in ihm heranwächst. Es gibt auch nicht nur ein Ich, sondern etliche Ichs, die gleichzeitig im Menschen vorhanden sind.

    Schließlich ist es nicht verwunderlich, dass sich der Mensch in dem Wust seiner Ichs nicht mehr zurechtfindet.

     

    Das Ichbewusstsein spricht Groddeck aber auch dem Embryo, dem Organ oder Gewebe zu. Der Hintergrund beruht darauf, dass jede ES-Einheit im Körper sich eine eigene Individualität, also ein Ich erschafft. Das kann wiederum nach sich ziehen, dass Körper und menschlicher Wille gegensätzlich aufeinander reagieren.

    Während der Mund z. B. einen Kuss ersehnt, wehrt sich die Lippe gegen die Berührung (aufgrund welcher Hintergründe auch immer, darunter Schuld, Bestrafung, Komplex usw.) und bildet eine Blase oder schwillt an. Genauso stirbt der Mensch dann, wenn er es unbewusst beschließt, besser gesagt, wenn sein ES den Tod für notwendig hält.

    Wie das ES die Organe gebildet hat, um darin zu existieren, kann es jederzeit Einfluss auf die Organe nehmen. Dann muss das Ich des ES der einzelnen Organe oder Glieder dazu überredet werden, sich dem Willen des Gesamt-ES und Gesamt-Ichs wieder anzupassen, woraufhin die Symptome verschwinden.

    Das ES und das Ich sind daher nicht das Gleiche, sondern das Ich ist immer die Projektion des ES, wobei Einheiten und Gesamtheit auch gegeneinander wirken können.

     

    „Gesundheit, Krankheit, Talent, Tat und Gedanke, vor allem aber das Wahrnehmen und Wollen und das Selbstbewusstwerden sind nur Leistungen des Es, Lebensäußerungen. Über das Es selbst wissen wir nichts.“

     

    Das ES macht Gebrauch von Ich-Einheiten und Symbolen, bedient sich an der ES-Gesamtheit und Ich-Gesamtheit ebenso wie an einzelnen Einheiten, um etwas bewusst werden zu lassen oder etwas zu verdrängen. Gerade das Verdrängte wird in Kammern geschoben und kann dann durch Erinnern oder Überlegung wieder dem Gesamtbewusstsein zugeführt werden.

    Das ermöglicht wiederum auch eine Behandlung, die verschiedene Wege gehen, naturheilwirksam oder wissenschaftlich vorgenommen werden kann, wobei es nur darauf ankommt, was der Mensch (oder der Kranke) und genauer, sein ES, akzeptiert und annimmt. So gibt es kein Allheilmittel für jeden Kranken, sondern nur die Heilung im Menschen selbst, durch Anregung, Erinnern und Erkennen der Ursache. Und ganz oben steht der Versuch, Unbewusstes bewusst zu machen, wodurch der Heilungsprozess eingeleitet wird.

     

    Das, was der Arzt versuchen kann, ist lediglich die Probe einer Anwendung, wie ein blindes Herumtappen im Dunkeln mit dem Wunsch, das ES günstig zu stimmen. Dabei bleibt der Hintergrund bestehen, dass nicht der Arzt die Heilung bewirkt, sondern der Kranke selbst aus eigener Kraft.

     

    Hier muss man bedenken, wann Groddeck diese Erfahrungen machte und erkannte. „Das Buch vom Es“ wurde 1923 veröffentlicht und stellt im Grunde ja nur eine Zusammenfassung eigener und vorangegangener Erfahrungen dar. Nicht umsonst ist Groddeck der Vater der Psychosomatik.

    Er war einer der ersten Mediziner, der forderte, organische Erkrankungen mit Hilfe der Psychoanalyse zu behandeln. Für ihn war die mentale Ebene ein wichtiges Element mit Einfluss auf die körperliche. Geist, Seele und Körper bildeten in seiner Sichtweise die eigentliche Einheit, verkörpert durch sein ES. Damit ist er erstaunlich modern, betrachtet man die heutigen Heil- und Naturverfahren, auf die sich mehr und mehr zurückbesonnen wird. Das Moderne zeigt sich nebenbei auch in seinem Schreibstil und Humor. Das Leben, so Groddeck, ist schließlich schon ernst genug. Was an den Erkenntnissen selbst nun glaubhaft ist und was Unsinn, bleibt letztendlich  dem Leser überlassen.

     

     

    (Georg Groddeck, "Das Buch vom Es", Gemeinfreier Text bei "Projekt Gutenberg", Rezension: Annelie Jagenholz)

  • Portrait und Herzschlag

    Sonntag, 28. Februar 2016 - in Kunst

    Das Portrait ist so eine Sache. Menschen, die ich gezeichnet habe, sind mir oft in die Seele gewachsen, während ich ihre Züge studiert habe. Andere kenne ich sehr gut, so dass ich sie häufiger auf Papier festhalte. Ich versuche nicht, Gesichter abzubilden, sondern Charaktere und Lebensumstände. Alles, was ich in einem Gesicht entdecke, ist die Spiegelung meiner Interpretation. Hinzu kommt, dass ich nicht nur ein Abbild schaffe, sondern versuche, die gesamte Persönlichkeit sichtbar zu machen. So ist es kein Wunder, dass ich inspiriert sein muss, um zu porträtieren, auch wenn ich viele Anfragen bekomme, die ich nicht immer einhalten kann.

    Ich bin kein Schön-Maler, ganz im Gegenteil. Wer sich von mir porträtieren lässt, braucht starke Nerven und wenig Eitelkeit. Meistens geht ein Portrait sehr leicht von der Hand und zeigt den Menschen als eine von vielen Versionen des Künstlers. Manchmal fließt aber auch etwas anderes mit hinein, das nicht nur das Erforschen eines Gesichts ist, sondern die eigenen Gefühle für den Menschen, die Sorge, die man um ihn hat, die Ängste, die man in diesem echten Abbild zu erkennen glaubt, herauskristallisiert. Was dann heranwächst, ist ein eigenartiger Abdruck von Zeit und Sein, eine Herausforderung im wahrsten Sinne des Wortes. Ist man als Künstler dazu berechtigt? Ich weiß es nicht. Hodler, der seine totkranke Frau porträtierte, wirkt schon abstoßend, und doch faszinieren diese Bilder. Es ist nicht alleine eine Gewissensfrage, aber man kämpft doch mit seinen Bedenken, wie weit man gehen kann. Mit dem Einverständnis desjenigen, der sich porträtieren lässt, formt sich nicht nur ein Bild, sondern etwas Größeres. Wie bei diesem Portrait. Es stellt Günter Ludwig dar, kurz nach seinem Herzinfarkt. Natürlich ist es kein realistisches Portrait. Es ist ein reines Gefühlsbild. Ihm hat es gefallen.

     

    ("Nach dem Sturm ein Herzschlag - Günter Ludwig" von A. Jagenholz (Zeichnungen, "People", 40 x 30 cm, 2016)

     

     

     Mehr Portraits von mir an dieser Stelle: PEOPLE

     

     

     

     

  • Ein Link zur Kunst

    Sonntag, 28. Februar 2016 - in Kunst

    Einige meiner Zeichnungen sind auf dieser Kunst-Seite zu sehen:

    DESIGN STORIES - The best from the world of Art, Design and Architecture

     

  • Reflection on art

    Dienstag, 9. Februar 2016 - in Kunst

    What is art? Art is an arduous breathing. Art is pain like sometimes life is pain. All can change in one second as the stream of being flows forward.

    Not just in looking on the result, art can speak, but in finding the pure translation for this inner landscapes to reach the bridge, where the expression forms structures on a canvas or empty paper. Style, ideas, technics and such things plays a second role in the end.

    As reading is not already a mark for some intelligence, just a wonderful and great passion, so art is the ground, where you can build your emotions to shaky towers. Sometimes these towers allow a new view of the world, of life and of human being. And sometimes they break down.

  • Reminiszenz

    Freitag, 15. Januar 2016 - in Politik

    Griechenland - wohin verschwindest du?

     

    Die Welt ist klein geworden, sowohl in ihren Wiederholungen an Ereignissen als auch in den Maßnahmen zur Machtausbeutung. Was Bismarck damals in Europa sah, ist heute eine Tatsache, dass Europa auf den reinen Begriff vereinfacht ist, damit die jeweiligen Staaten nicht die Verantwortung für ihre Taten übernehmen müssen und so gemeinschaftlich Forderungen stellen können, die sie unter eigenem Namen nicht wagen würden*. Europa und die wohlfeine EU dienen auch jetzt allen Drecksgeschäften, Bankunterstützungen, Erpressungen und politischen Manipulationen und wagen immer noch, von Verbundenheit und Humanität zu reden.

    Sichtbar genug wurde der Trug durch Alexis Tsipras und den „Untergang aller griechischer Hoffnungen“ im letzten Jahr, aus dem die Gemeinschaft der EU als Sieger hervorging, weil sie all das als "Rettung" vermarktete. Das so erkämpfte „OXI“ (das nicht nur im Land, auch weltweit Hoffnungen weckte) und der blinde Glaube in Griechenland, etwas zu unterstützen, wobei die Fragestellung schon auf Nichts zielte, wurden bösartig enttäuscht; ein Erwachen, das wirklich schmerzte und sicherlich nicht nur die Naiven traf. Dabei wurde nicht gefragt, ob die Griechen aus dem Euro wollen, sondern nur, ob der nächste Schuldschein für das aufgezwungene Sparprogramm akzeptiert oder nicht akzeptiert werden soll, was sowieso zum Spiel dazugehörte als ein Stück Papier, das absurde Forderungen stellte und Schulden auflistete, die nachweislich nicht bezahlt werden können, nicht mit mehr Geld oder Jahren, und dennoch wird weiter ein Volk geopfert, das bereits blutet. (Das Zugeben dieser Tatsache von verschiedenen Menschen aus dem Politik- und Finanzbereich in dieser schwierigen Phase scheint auch mittlerweile vergessen zu sein. Es ist und bleibt ein Bedienen der Banken. Die Griechen sehen von diesen spendablen Unterstützungen der Rettungspakete nichts und das deutsche Volk muss weiterhin dafür schuften, während die Politiker sich die Hände reiben.)

    Varoufakis hat es zu dieser Zeit gut beschrieben, dieses Theater mit der Finanzwelt und den Affentanz um Schäuble samt Konsorten. Abmachungen wurden getroffen, Verträge vorgelegt, beim Unterzeichnen standen dann auf einmal wieder alle Punkte zur Unterschrift, die von griechischer Seite nicht akzeptiert wurden.

    Da war nie das Ziel einer Einigung vorhanden, und Menschen wie Varoufakis wurden verlacht und als Marionette benutzt. So manche liebevolle Ohrfeige, die auf Tsipras‘ Gesicht landete, ließ im Grunde schon den „kleinen Jungen“ erahnen, den alle in ihm sahen, der das Spiel mitspielte, ob er nun tatsächlich erpresst wurde (wie er sich vor seinem Volk rechtfertigte, nachdem alles unterschrieben war und das Land durch ihn zur Ausbeutung frei gegeben wurde) oder ob er einfach die Rolle spielen sollte, die er dann auch gut erfüllte.

    Das „OXI“ war das Nein zum Sparprogramm, am Ende nichtssagend, und setzte sich (während der Abstimmung, nicht danach) dennoch durch (weil dahinter der wirkliche Mensch keuchte), obwohl das griechische Volk sogar mit Geldentzug und geschlossenen Banktüren bedroht und bestraft wurde, was sich bis heute nicht verändert hat, eine eigentlich effektive Waffe, die viel Angst geschürt und das Ergebnis überhaupt im „NAI“ so in die Höhe getrieben hat (neben der Manipulation durch die Medien). Und gerade hier zeigte sich dieses großartige Volk, das sich nicht einschüchtern ließ, von einer typischen Kämpferseite, obwohl die Wahl als  geforderte „Stimme des Volkes“ natürlich reine Ablenkung war.

    Der Wille, endlich Veränderungen zu schaffen, die Tsipras in seinen Anfangszeiten so emotional gepredigt hat, das nicht nur die Menschen, sondern auch seine eigenen Abgeordneten sich belügen ließen, die er als „Idealisten“, die sie waren, für seine Zwecke und den Sympathiefang nutzte, bevor er dann nach der Wahl sein wahres Gesicht hinter der sozialdemokratischen linken Maske hervorkehrte, hat blind für die Tatsachen gemacht, dass Politik ein Drecksgeschäft bleibt und das Volk nichts zu sagen hat.

    Während Varoufakis sich in dieser Zeit mit der Wirklichkeit auseinandersetzen musste, die immer absurder wurde, zumal ein Spiel mit echten Bedingungen getrieben wurde, unternahm das Falschgesicht Tsipras lustige Spaziergänge mit Frau Merkel, wobei beide in ihren Masken einen tragödienhaften Ausgleich der Mundwinkel erzielten, die Krönung des Hohns, sieht man es aus heutiger Sicht.

    Einen Tag nach dem „OXI“-Triumph fiel alles auseinander, Varoufakis trat zurück (weil er die Lüge nicht unterstützte), andere folgten und die Stärke des Kampfes wich auch im Volk der Empörung und Ernüchterung, die sogar alle Hoffnung erfolgreich zertrümmerte. Jahrelang wurde gegen Samaras und seine korrupte, in Stirnfurchen gelegte Lügenstrategie demonstriert, was schlagartig aufhörte, weil alle an etwas glaubten, das einfach nur eine verflucht weitere Illusion war und die in Form von Tsipras auftrat, der heute in den Medien Umarmungen inszenieren muss, um überhaupt so zu tun, als sei er beliebt.

    Schlimmer als jeder korrupte Politiker (bei dem die Lüge vorausgesetzt wird) hat dieser Mann sein Land verraten und verkauft. Und nun ist natürlich auch klar, weshalb er die damalige Propaganda der griechischen Medien nicht unterbunden hat, was in seiner Macht lag, da es sich um Privatsender handelte, die scheinbar gegen ihn wetterten. All das gehörte zum Geschäft, um die Täuschung perfekt zu machen.

    Heute ist es ein Jahr her, seit diese Ereignisse ihren Lauf nahmen, und Griechenland atmet nur noch auf Reserve. Die Häfen sind von Flüchtlingen und Scheinflüchtlingen bevölkert, die Inseln, die vom Tourismus leben, verkümmern im hinterlassenen Dreck solcher Menschenanwälzungen, und die kleinen Leute verzweifeln an ihrer Lage.

    Wir leben in Blasen von Lügen und medial inszenierten Schauspielen, die weiter nur Propaganda politischer Ausrichtung bleiben. Geschürter Hass, Empörungsauslösung durch Verbrechen, die häufig nicht einmal wirklich stattfinden, so viele Betrügereien, die in ihrem Minimalismus eigentlich zu durchschauen sind.

    Es ist so absurd und so uralt. Wenn unter Stalin jemand wagte, zu sagen, dass er in den Straßen die Ereignisse gar nicht gesehen hätte, wurde ihm angeraten, mehr Zeitung zu lesen.

    Das ist mit ein Grund, den Fernseher aus- und den eigenen Verstand endlich einzuschalten, um für den Anfang wenigstens die Lügen zu erkennen. Es wird Zeit, nicht in den manipulativen Stimmen der Medien zu denken und zu argumentieren, sondern als einfacher Mensch, der leben und seine Familie und Kinder nicht für virtuell rote Zahlen opfern möchte, die gefräßige Raubtier-Systeme aufstellen, weil der einzelne Mensch für sie keine Bedeutung hat.

     

     

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    * Das Zitat von Bismarck lautet folgendermaßen:

    "Ich habe das Wort "Europa" immer im Munde derjenigen Politiker gefunden, die von anderen Mächten etwas verlangten, was sie im eigenen Namen nicht zu fordern wagten."

    (Quelle: "Bismarck und das Deutsche Reich" von Erich Eyck, Rentsch,  Zürich 1955)

  • Begegnungen

    Mittwoch, 13. Januar 2016 - in Philosophie

    „Der Zusammenprall mit einem Menschen, der für unser weiteres Leben wichtig ist – ist es nicht die Begegnung mit uns selbst?“

    … fragt Fred Wander in seiner Autobiografie "Das gute Leben". Er meint die innere Quelle des Glücks, die dieser Mensch in uns neu entfacht, die unausweichlich Veränderung nach sich zieht, aber in mir rollen andere Gedanken weiter, die dieser Satz in seiner Aussage an Reflexionen auslöst.

    Gerade solche Begegnungen, mit denen man gar nicht rechnet, die einfach stattfinden und dein Leben verändern, wirken im Nachhinein immer koinzident oder gar wie ein Schicksalswink. Alles ergibt dann Sinn, weil sich im Blick auf das Vergangene die Puzzle-Teile zusammenfügen lassen, im Moment der Begegnung allerdings alleine diese enge Verbindung spürbar ist, ohne auch nur zu ahnen, dass dieser Mensch ein wichtiger Bestandteil des eigenen Weges werden wird.

    Ich glaube an Begegnungen. Ich weiß, dass jede, ob klein oder groß, wichtig oder unwichtig, eine bestimmte Bedeutung und Wirkung hat. Wenn es sich um eine kurzweilige Situation handelt, kann es sein, dass wir für den anderen wichtig waren, handelt es sich um eine längerfristige Auseinandersetzung mit einem Menschen, ist sein Wert für unser Leben, ob negativ oder positiv behaftet, schon offensichtlicher. Es gibt sogar lästige Begegnungen, die später dann erklärbar werden, sogar Dankbarkeit auslösen, weil sie Teil der eigenen Entwicklung waren oder die eigene Persönlichkeit mit verändert haben.

    Und natürlich wird so ein Zusammenprall immer eine Begegnung mit uns selbst, denn wir, um den anderen zu erreichen, beginnen ein „Gespräch“, das sich sowohl an ihn als auch an uns selbst richtet, ganz automatisch. Wir fangen an, uns zu hinterfragen, auf einmal wieder neu, wie wir auf ihn wirken, wer wir sind, was wir von unserem Leben erwarten, stellen uns zumindest in ein Licht, das uns etwas deutlicher zeigt (und ich meine nicht diese verblödete Maske der Schokoladenseite, die aus genau diesem Material besteht und sofort bröckelt oder schmilzt, wenn es tiefer geht (die man im Laufe seines Lebens auch gar nicht mehr bereit ist, aufzusetzen), ich meine vielmehr die aufkommende Freude, sich diesem Menschen überhaupt wieder zeigen zu wollen, eben weil die Basis stimmt). Wir lassen sowohl den Blick als auch die Auseinandersetzung mit uns selbst zu, gerade auch darum, weil der andere nun einmal solche Fragen beantwortet haben möchte, ohne die Frage selbst stellen zu müssen. Dieses Öffnen ist heilsam und zeigt umso deutlicher die Illusion der Isolation.

    Beide Charaktere wachsen dabei irgendwie aufeinander zu, ohne es zu beabsichtigen. (Natürlich bleibt auch vieles Deutung, aber eine, die nicht schadet.) Auch das geschieht von selbst, wie durch den Antrieb einer inneren Stimme.

     

    Daneben gibt es endlose Begegnungen mit Menschen, die kommen und wieder verschwinden. Ist dagegen die ganz bestimmte Person eingetroffen, spürt man es sofort. Irgendwas passt einfach unfassbar gut zusammen oder löst eine eigenartige Unruhe aus, ein Kreis öffnet und schließt sich um das Ganze, weil es auf einer ganz bestimmten Ebene stattfindet. Nicht die Gedanken, nicht die Ansichten, nicht die Einstellung muss übereinstimmen, es ist etwas anderes, etwas das ein Miteinander oder Gespräch unglaublich vereinfacht, eine gemeinsame Basis, auf der man einander nahtlos erreicht, und sei es auch nur für den Moment, der notwendig ist.

    Ich erkenne solche Begegnungen immer daran, dass die Unterhaltung „uralt“ scheint und mühelos ist, einfach dahinfließt und auch beendet wird, ohne dass der andere das Schweigen oder den Abbruch überhaupt wahrnimmt. Solche Gespräche werden an gleicher Stelle wieder aufgenommen, und sie sind auch nur unter diesen Umständen möglich, dass jemand in unser Leben getreten ist, der eine Rolle spielt.

    Wie langatmig oder schwer sind dagegen die aufgezwungenen Gespräche, denen man sich aus Höflichkeit widmet. Und dann gibt es noch die Menschen, die ständig um eine Unterhaltung bitten und schließlich, hat man sich die Zeit genommen, nichts zu sagen wissen. Man kann auch gemeinsam lachen oder herumalbern, um wenigstens irgendwie miteinander zu kommunizieren, was mir persönlich dann noch am besten gefällt. Genauso angenehm empfinde ich „literarische Begegnungen“, die auf der Basis poetischer Sentenzen stattfindet oder in der Grundvoraussetzung einer gemeinsamen Liebe zu Büchern oder zur Kunst. Alle Gespräche, die anstrengend sind, ergeben letztendlich kein Miteinander.

    Hölderlin hat es in der dreißigjährigen Zeit seines „Wahnsinns“ ganz gut gelöst. Er hat die Höflichkeitsfloskeln dermaßen übertrieben, dass die Leute schnell wieder die Flucht ergreifen wollten. In meinen Turm finden auch nur ganz bestimmte Menschen Eingang. Auch darum, weil sie die einzigen sind, die die Tür sehen können. Alle anderen rennen gegen das Mauerwerk. Manchmal auch, ohne es zu bemerken.

     

    (Hier sollte ich jetzt lächeln … was ich auch tue.)

     

  • Zeus ruft ...

    Dienstag, 12. Januar 2016 - in Erlebnisse im Bild




    Der Olymp ist mir allgegenwärtig. Er taucht in der Ferne auf, wenn ich vor die Tür trete und die Sicht klar ist, ich sehe ihn von meinem Balkon aus oder wenn ich einige mir besonders liebe Strände in meiner unmittelbaren Umgebung aufsuche, die hauptsächlich dadurch bestechen, dass man dort ganz alleine ist, höchstens einige Angler ab und an auftauchen, ganz selten auch ein Schafhirte mit seiner Herde, die mal klanglos, mal röhrend laut vorüberstreift, oder jener Wahnsinnige, der zu jeder Jahreszeit nackt schwimmen geht. In den besonders kalten, winterlichen Temperaturen legt er sich erst einmal zehn Minuten in die Sonne, um den Körper aufzuheizen, während ich, dick angezogen, weitab sitze, bis ich ihn dann in schnellem Gang auf das Meer zugehen sehe, in dem er für einige Zeit verschwindet, manchmal noch Kopf wird, der auf dem Wasser treibt. Wir kennen uns von weitem schon lange und grüßen einander, ohne das Wort aneinander zu richten. Das gefällt mir, gerade weil ich dort auftauche, um Abstand von der Welt zu gewinnen, während er, aus wohl ähnlichen Gründen, abtaucht, um dazu noch seinen Körper gesund zu halten. Ich weiß nicht, ob ich Bewunderung hege oder einfach nur lächeln muss. Eigentlich ist es mir egal. Er gehört zu diesem Meer-Erlebnis genauso dazu wie der Berg in der Ferne.

    Erstaunen dagegen tut mich etwas anders. Es ist eigenartig, wie sich das Bergmassiv des Olymps mit dem Licht, den Wolken, der Bewegung des Wassers verändert, wie es vor meinen Augen innerhalb von Minuten wächst und schrumpft. Besonders schön ist es, wenn die gesamte Atmosphäre wie eine Zwischendimension wirkt, alles wie im Zwielicht ruht. Der Berg erhebt sich dann vor mir wie eine Fata Morgana, zeigt seine schneebedeckten Gipfel und verschwindet genauso schnell wieder hinter rauchenden Wolken.

    Weshalb ich in letzter Zeit gerade diesen Strand immer wieder aufsuche, liegt nicht nur daran, dass hier die Atmosphäre stimmt, sondern auch daran, dass es der Lebensraum von Delphinen ist, die im Winter (also in der besonders menschenleeren Zeit) bevorzugt auftauchen und mich so an ihren Spielen teilhaben lassen, ein Schauspiel, an das ich mich nie gewöhne, so sehr wirken ihre wunderschönen, gleitenden Bewegungen wie ein Wunder. Sie ziehen in einer größeren Horde Richtung Thessaloniki oder springen in der Ferne vor Frachtern und Schiffen dahin.
    Seit ich sie entdeckt habe, frage ich mich manchmal, ob sie nicht schon häufiger zu sehen waren, mein Blick dafür aber blind war. Nun jedenfalls ist er geschärft und ich erkenne sie fast immer. Sie haben eine bestimmte Zeit, in der sie erscheinen. Wenn ich Glück habe, sind sie so nahe, dass ich jedes Detail erkenne. Sie springen in unglaublicher Höhe, als ob eines dieser Tiere die Welt auskundschaftet, während die anderen dann zu zweit, zu dritt den gleichen Weg nehmen. Dieses Ereignis dauert immer nur einige Minuten, doch es erscheint mir wie eine Ewigkeit.


    (Foto: A. Jagenholz, 11. Januar 2016)

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  • Emotion vs. Verstand

    Montag, 11. Januar 2016 - in Das Ich - Reflexionen

    Ein Blick auf Abgründe, die zurückblicken ...

     

    Als Gefangener seiner Leidenschaften ist es fast unmöglich, geistig zu arbeiten. Ganz einfach, weil die Lust daran vollkommen verloren geht. Darum auch mein so langes Schweigen, kein Gedanke mehr, der mir sinnvoll erschien, um ihn tatsächlich hier festzuhalten.

    Es war wie ein Kippen meiner selbst in alle Richtungen, ohne mich dabei noch wirklich zu spüren, mit dem gleichzeitigen Nutzen aller Ablenkungen und Fluchtmöglichkeiten, die mir gegeben und die unfassbar vielseitig  waren. Oft schaltete ich auch einfach ab und überließ mich der Natur, dem Meer, der Sonneneinwirkung, was mich dann auch wieder gestärkt hat.

     

    Alleine die emotionale Ausdrucksform ist unter solchen Umständen tatsächlich machbar, demnach Kunst und schöpferische Arbeit, die bei mir grundsätzlich und nur noch auf Emotion baut, fernab der „Idee“, als ein bewusstes Zeigen innerer Welten, die dadurch alleine mein Ausdruck sind und auch meinen ganz persönlichen Stil bestimmen, unabhängig davon, ob er andere Menschen anspricht oder nicht, was sie hineindeuten oder ob sie versuchen, mich über das Gezeigte zu definieren. Auch wenn ich Menschen durchaus nicht als „Nicht-Ich“ sehe, sondern immer als ein „Anderes-Ich“, die innere Verbundenheit dennoch spüre, ohne ein „Ich-noch-einmal“ zu erblicken (soweit bin ich vielleicht noch nicht), ist mir das, was sie denken, eher gleichgültig, zumal es ihre Welt ist, nicht meine, ihre Sicht, nicht meine, ihre Deutung, nicht meine … usw.. Das hat in meiner Auffassung von Welt und Sein nichts mit der inneren „Energie“, die durch uns alle strömen mag, zu tun, weil über dieser nun einmal die Maske der Meinung und Bildung festsitzt. Ist sie bei anderen Menschen gelöst, ist auch der Kontakt einfacher. Solcherart Begegnungen habe ich durchaus erleben dürfen und bin auch froh darum.

    Wenn Kunst einen anderen Menschen erreicht, dann liegt es weniger am Ausdruck oder Stil des Künstlers als am Betrachter, der diese Welt für sich entdeckt und mit seinen Sinnen und Ansichten interpretiert. Der Künstler hat dabei (mit mehr oder weniger Talent begabt) nur gezeigt, was er empfindet oder die Idee umgesetzt, die ihn beschäftigt, muss dabei noch lange nicht im eigentlichen Sinne verstanden werden. Daher ist auch das gezielte Umsetzen einer Idee für mich sinnlos in der Kunst geworden, eben weil es irgendwie plakativ ist. Das, was mich früher am "offenen Kunstwerk" fasziniert hat, ist einer Loslösung aller Hinweise gewichen. Das, was ich ausdrücke, ist ganz einfach das, was sich abbildet; und den Rest behalte ich für mich. Gefühle erreichen andere Menschen eben doch leichter als Ideen oder reine Gedankenkonstrukte, so schön sie auch sind. Trotzdem kann der Ausdruck individuell, das heißt, einmalig bleiben, emotional vielleicht noch mehr als intellektuell. Fast scheint mir, dass Kunst überhaupt die Aufgabe hat, Emotionen zu projizieren, nicht Konstrukte zu verkörpern, die auf anderem Weg besser ausgedrückt sind. Das alles hat sich als Ansicht in mir komplett verändert.

    Der schmale Grat zwischen Wirkung und Nicht-Wirkung eines Bildes bedarf noch vieler anderer Aspekte, die über den künstlerischen Ausdruck und die Auffassung des Betrachters hinausreichen, darunter Zeit, Ort, Stimmung und ähnliches. Dass Kunst allmächtig ist und verändert, glaube ich weniger, aber alles, was in uns dringt, wird Teil unseres Seins und daher auch das, was wir in Kunstwerken erblicken. Kunst ist eine eigenwillige Kraft mit starker Wirkung, wenn sie erreicht.

    All das habe ich bis zur Ekstase gelebt und werde es natürlich auch weiter tun, weil es für mich Atmung ist. Der reine Schöpfungsakt ist dabei genauso wichtig wie die geistig klare Auseinandersetzung in Schrift und Gedanken, kann dabei manchmal natürlich auch nur Flucht und Ablenkung bleiben, aber eine, die etwas hervorbringt, die nicht restlos verpufft, wie die Zeitverschwendung an für mich bedeutungslose Dinge, denen ich mich nur widme, weil ich weiß, dass dabei nichts herauskommt, als eine Art Trotzaktion gegen mich selbst. Das ist die beständige Ambivalenz meines Charakters.

     

    Schreiben, wozu ich einen klaren und kühlen Verstand benötige, ist nicht unter emotionaler Belastung möglich, besonders dann nicht, wenn das Feuer, die Obsessionen, die Gefühle toben. Der Verstand ist gegenüber dem Geist sowieso begrenzt, unter Belastung dagegen verengt er sich auf einen winzigen geballten Kern, der nichts hindurchlässt und wie ein schwarzes Loch alles verschlingt. Was dann herauskommt, ist eher ausgekotzt, also nur die sehr emotionale Auseinandersetzung mit den eigenen Bedingungen, wobei der Blick kaum geschärft auf den Dingen ruht, sondern das Schreiben vielmehr ein Ventil bildet, ein reines Luft-Ablassen, was durch Kunst-Schaffen dann doch einfacher ist, da dort wenigstens nichts geordnet werden muss.

    Nun, da ich wieder zu einer inneren Ruhe zurückgefunden habe, weil sich mit der Zeit zum Glück alles legt, gerade das Chaotische und Verwirrende, eine Zeit, die einem unendlich erscheint und ohne Lösungsvorschläge vergeht, wird auch der Akt des Schreibens wieder sinnvoll und verhilft mir zu schönen Momenten des Nachdenkens. Das alles geschieht dann ohne die geistige Raserei und ohne zum Gewaltakt des Denkens zu geraten als eine beständige Selbstmarterung der eigenen Persönlichkeit und Suche danach, wer ich bin, obwohl ich ja immer vorhanden, immer Ich bin, selbst dann, wenn ich geglaubt habe, dieses Ich nicht zu erkennen oder einfach auslöschen zu wollen. Aber gerade darum war ich das Ich, das sich nicht erkennt, also ein Selbst auf der Suche.

    Das Ich als bedrohliche Erscheinung aus buddhistischer Sichtweise ist für mich immer noch nicht negativ genug behaftet, um es loszulassen, denn ich sehe es selbst mit den tobenden Emotionen und der Leidanhaftung als wesentlich und bereichernd für das eigene Leben. Es ist nur wichtig, es als Maske zu begreifen, die zwar Schutz bietet, aber auch zulässt, sich selbst nicht zu ernst zu nehmen, während das innere Selbst die Quelle spiritueller Verwirklichung bleibt, die in jedem Menschen ruht.

    Ohne diese schmerzvollen Selbstquälereien kann kein Mensch zu sich selbst finden. Ausgeglichenheit ist nur nach dem Schachtfeld möglich, das wir uns selbst bereiten. Es sollte aber, wenn schon vorhanden, dann wenigstens ein eigener Entwurf sein, nicht das Schlachtfeld der anderen.

     

    In solchen Situationen des Emotionschaos‘ ist bei mir das Bedürfnis, etwas festzuhalten oder sogar über „höhere Dinge“ nachzugrübeln und zu reflektieren, nur bedingt vorhanden, manchmal gar nicht. Dann ist mir der leere Kopf tausendmal lieber, der das Klammern an Gedanken nicht zulässt, sondern sie durch den Geist wehen lässt, um sie zu betrachten. Auch wenn der Buddhist hier Frieden findet, blieb bei mir ein Rest an Zweifel zurück. Statt Zufriedenheit, fühlte ich eher Stumpfsinn, der mich einlullte.

    Das, was in mir brodelt, soll sich nicht in ein bloßes Glimmen verwandeln, dazu benötige ich (noch) zu viel Flamme, um meine inneren Gedanken und Gefühle zu verwirklichen und beispielsweise in ein Bild zu setzen. Was dagegen allerdings abhandengekommen ist, und zwar komplett, ist der Wunsch, etwas zeigen bzw. vorstellen zu müssen. Das Zeigen selbst ist nicht das Problem, sondern das Zeigen-Wollen, um sich selbst in Szene zu setzen, dafür aber dann auch viel Aufwand und Einschränkung in Kauf zu nehmen. Ich habe kaum noch das Bedürfnis, tatsächlich zu zeigen, wer ich bin, zumindest nicht Menschen, die sich über mich ihre subjektive Spiegel-Meinung bilden. Es ist vielmehr eine reine Reflexion, die mich innerlich bereichert und einen schriftlichen Ausdruck findet, der wiederum nur ganz abseits steht und gefunden wird oder nicht.

     

    Viele Schritte, die ich getan habe, waren reine Selbstüberwindung und kosteten auch viel Kraft und teilweise sogar Selbstverlust. Der Rückzug vor einer lärmenden Welt war sicherlich ein bedeutender Teil davon, den ich nicht missen möchte. Verzicht brachte einiges an Erkenntnis und umso besser verstehe ich heute Sokrates, wenn er sagt:

     

    „Wie vieles gibt es doch, das ich nicht nötig habe.“

     

    Nichts ist übrig geblieben, weder die Sehnsucht nach bestimmten Bedingungen noch die so hoch gepriesene materielle Hetze, über die sich die meisten auch noch definieren. Mit so wenig kommt der Mensch aus, doch er verliert inmitten von Welt und Erziehung den Sinn dafür und kompensiert, schafft sich immer weiter Surrogate, die ihn am Ende wahrscheinlich totlangweilen (weil sie eben nur Abbilder der Befriedigung sind). Es gibt nichts Wertvolleres für mich, als eine Stille, die mich ganz auf mich selbst zurückwirft, die mir antwortet, wenn ich lange genug lausche, die ich alleine unterbreche, um Klänge zu vernehmen, die sich mir tief verinnerlichen, so in erster Linie die drei Schritte hinaus vor meine Tür, um das Meer rauschen zu hören. Alles andere habe ich abgeschafft, insbesondere die mich schon immer belastende Quelle der medialen Manipulation durch den Fernseher.

    Dennoch ist das alles erst ein geringer Teil der Strecke, die ich für mich zurücklege, da ich als wichtige Grundbedingung immer noch Ruhe benötige, um mich ganz zufrieden zu fühlen. Es ist schwerer inmitten von Lärm und Bewegung, in der Konfrontation mit Mensch und Welt, diese innere Ruhe zu bewahren, obwohl genau das die Antwort wäre, sich überall und unter allen Bedingungen auf sich selbst zurückzubesinnen und auch diesen Zufluchtsort aufzusuchen, um weiter ausgeglichen dem Leben zu begegnen. Es wäre wichtig, diesen inneren Raum jederzeit öffnen zu können, ohne sich gestresst zu fühlen oder als reine Flucht vor dem Leben. Doch ich glaube, dass diese Richtung eine ist, die mich weiter beständig verändert und damit zu mir selbst führt. Die Ansicht, dass jeder Mensch im Grunde seines Herzens und Charakters immer gleich bleibt, teile ich nicht (mehr), denn ich bin der lebendige Beweis dafür.

     

     

     

    „Der Pilger,

    Die Wallfahrt und der Weg:

    Nichts anderes als ich

    Hin zu mir.“

     

    (Farid Addin Attar „Vogelgespräche“)

     

  • Μόνο ο πλούτος της ψυχής είναι καλός.

    Sonntag, 10. Januar 2016 - in Philosophie

    Zu viele Menschen jagen, durch Muster der Gesellschaft geprägt und daher auch ganz ohne geistigen (eigenen) Anspruch, Willens- und Wunschakten nach, häufen Reichtum und Besitz an, suchen Beschäftigung, Ablenkung, Vergnügen, Zielumsetzung, errichten Gebäude aus Notwendigkeiten, Abhängigkeiten und Hoffnungen, die letztendlich immer nur Illusion bleiben und sie selbst innerlich kaum bereichern. Dennoch ist dieser Zwang für viele Menschen der einzige Antrieb, zu zeigen, wer sie sind, was sie können, was sie erwarten. Alles Äußere ist vergänglich und verändert sich immerfort. Das ist kaum neu und bringt notwendig Verlust mit und damit Leid. Alleine die innere Quelle kann wachsen und stärker werden, dass sie Raum genug bietet, sich selbst zu erkennen und (nach eigenen Ansprüchen) zu entfalten, die Welt zu erfassen, das Sein zu entschlüsseln. Und nur der ist stark oder durch sich selbst gestärkt, der sich diesen Freiraum auch bedingungslos nimmt, aber sich dennoch nicht als abgegrenzt, sondern als Ganzes im Ganzen begreift.

    Alle Probleme, Ängste, Sorgen, die auf äußere Bedingungen fallen, (fast lässt sich sagen: immer auch nur äußere Reize bleiben), sind dementsprechend verschwendete Atmung und vergeudete Zeit, weil einzig wahr das ist, was in uns selbst liegt, so sehr uns auch anderes vermittelt und durch eine Gesellschaft in ihren Zwängen aufgedrängt wird, die mit allen Mitteln versucht, den Menschen an die eigenen Bedingungen anzupassen und zu manipulieren. Sei Baustein. Sei wertvoller Baustein. Sei, was wir wollen. Leider entspricht dieses Baustein-Dasein nicht immer den inneren Bedürfnissen.

    Unsere subjektive Welt ist die, die uns eine äußere Welt aufzeigt. Diese richtet sich in Aussehen und Wirkung nach unseren inneren Empfindungen. Sind diese ängstlich, gierig, kurz: niedriger Gesinnung, wird die Welt sich wohl kaum anders zeigen. Sie bleibt genauso klein und erbärmlich wie der Mensch, der sie wahrnimmt. Anders verhält es sich bei einem Menschen mit geistiger und innerer Zufriedenheit. Die Welt, die hier erblickt wird, entspricht, trotz der Schrecken, Leiden, Schmerzen dennoch dem inneren Empfinden, was bedeutet, so ein Mensch wird immer auch die Lichtblicke zwischen den Schatten wahrnehmen, wohingegen der andere die Schatten für die einzige Realität hält und diese zum Vorwand nimmt, sein Leben nicht zu verändern und weiter nach Illusionen zu streben, gar triebhaft und verschlagen zu handeln, nur weil die Welt bestätigt, was er von ihr hält.

  • Flamme oder Flammenmeer

    Samstag, 9. Januar 2016 - in Philosophie

    Wie eng bleibt doch der eigene Empfindungskreis, was uns oftmals gar nicht bewusst ist. Die leidenschaftlichsten Menschen können unter solchen Umständen zu reinen Gefühlskrüppeln werden, nur weil sie die Bedeutung von Situationen, Ereignissen, Begegnungen und Gefühlen anderer Menschen ganz einfach nicht wahrnehmen, was wiederum durch unsere subjektive Sichtweise und den durch unsere innere Welt gesteuerten Blick auf die äußere Welt naturgemäß ist. Nur das, was uns direkt erreicht, löst Leidenschaft und Interesse aus. Über Umwege können uns auch die anderen Umstände erreichen, so dass wir sie wenigstens erkennen, aber nie in gleichem Feuer. Das ist der Grund, weshalb uns manches überraschend trifft.

    Alles Fühlen, Denken, unsere Interessen an Bedingungen und Menschen sind nur so weit offen, wie wir ihnen Raum zugestehen. Und dieser ist für das uns Wichtige riesig, manchmal sogar zu riesig, für alles andere sehr klein und meistens auch „blind“.

    Alles, was uns nicht direkt angeht, liegt verblasst am Horizont, verdeckt (wenn auch nicht gänzlich) von der Schicht an Interessen und Ereignissen, die uns direkt bewegen. ‚Bewegen‘ ist in diesem Zusammenhang auch ein besseres Wort als ‚beschäftigen‘, denn im Grunde bleibt nur das existenziell, was uns in Bewegung setzt, uns also dazu auffordert, zu handeln bzw. uns mit uns selbst auseinanderzusetzen, dementsprechend Veränderung nach sich zieht. Alles, was uns dagegen beschäftigt, kann wieder verloren gehen und liegt dann in gleicher Form vergessen hinter der Schicht, die das Wesentliche unserer Sicht umhüllt, was nicht automatisch heißt, dass die Dinge hinter dem Nebel für uns bedeutungslos sind. Sie sind bloß noch nicht sichtbar.

     

  • Wenn das Wort zu klein ist ...

    Mittwoch, 25. November 2015 - in Tag-Gedanken

    Es ist häufig so, dass vieles banal wirkt, sobald es in Worte gefasst wird, weil es schon tausendmal gesagt wurde. Aber du hast es selbst erfahren und willst es teilen, weil es dich bewegt und verändert hat. Und dann stellst du fest, dass das Wort einfach nicht genügt, dieses intensive Gefühl zu verdeutlichen, völlig gleichgültig, wie gut du bist und wie scharf- und tiefsinnig du Worte für alles findest, selbst wenn das Ganze wirklich geometrisch genau beschrieben ist und nur das eigene Erlebnis spiegelt. Alles, was dann in Worten ausgeleert werden konnte, ist das, was schon tausendmal gesagt wurde. (Wie auch dieser Gedanke.)

  • Gegen den Größenwahn der Durchschnittlichen

    Sonntag, 14. April 2013 - in Literatur



    „Im Besonderen erzürnte ihn bei diesen mittleren Schriftstellern der Hochmut, ihr Olympiertum, jenes Bewusstsein ihrer Bedeutung, das bei ihnen tatsächlich stärker ausgeprägt ist, als bei solchen, die wirklich herausragend sind.“

     

    Das schrieb Chodassewitsch* in seinen Erinnerungen. Gemeint ist hier das Wesen bzw. die Einstellung von Gorki**.

    Emmanuel Bove*** hat es noch besser ausgedrückt:

     

    „Der Erfolg verdreht nur jenen den Kopf, die den eigenen Wert überschätzen.“

     

    („Journal, geschrieben im Winter“)

     

     

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    *  (Die Erinnerungen von Wladislaw Chodassewitsch, unter der Ausgabe „Nekropolis“ zusammengefasst, sind übrigens ganz hervorragend geschrieben und ein wichtiges Zeitdokument für das „silberne Zeitalter“, da es aus der Sicht des Dichters und Künstlers, nicht Historikers verfasst ist. Chodassewitsch hat einen faszinierend klaren Stil, durch den all die, die bekannt und die, die unbekannt, die schrieben, dichteten, Kunst schufen oder ganz einfach die nach innen gerichteten Kunstwerke ihrer selbst waren, lebendig werden, so menschlich und lebendig, wie sie bei ihm auch sterben und in ihren Schöpfungen und der einstigen Anwesenheit ihre ganz eigenen Gesichter zeigen.)

     

    ** (… Gorki, der alles las und sich für alles interessierte, ein Elefantengedächtnis hatte, dass er bei anderen den Kopf schüttelte, wenn sie über ein Ereignis, das irgendwann in irgendeiner kleinen Zeitung stand, nicht aufgeklärt waren, der alles mit dem Korrekturstift las, sogar die Zeitungen, auch oder gerade dann, wenn er sie danach wegwarf. Der fasziniert von Betrügern und Dieben war, dass es fast schon „an Protektion grenzte“ … )

     

    *** (Naja. Warum nicht auch zu ihm noch eine Anmerkung. Obwohl, zu Emmanuel Bove muss man eigentlich nichts sagen. Dieser Schriftsteller steht auf seinem ganz eigenen Thron. Für mich einer der größten unter denen, die „hinausschrieben“, was hinaus musste, der den aus der Gesellschaft verstoßenen Außenseiter, der für die eigene Freiheit (und sei es Lustlosigkeit) kämpft,  auf ganz eigene Art und Weise ins Wort kleidete. Bin ich eine Boveianerin? Jawohl. Ich bin eine.)

     

     

     

     

     

    (c) Annelie Jagenholz

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