B L O G

oder

die unendlich brodelnde Emotionssuppe

 

von

Annelie Jagenholz

 

  • Begegnungen

    Mittwoch, 13. Januar 2016 - in Philosophie

    „Der Zusammenprall mit einem Menschen, der für unser weiteres Leben wichtig ist – ist es nicht die Begegnung mit uns selbst?“

    … fragt Fred Wander in seiner Autobiografie "Das gute Leben". Er meint die innere Quelle des Glücks, die dieser Mensch in uns neu entfacht, die unausweichlich Veränderung nach sich zieht, aber in mir rollen andere Gedanken weiter, die dieser Satz in seiner Aussage an Reflexionen auslöst.

    Gerade solche Begegnungen, mit denen man gar nicht rechnet, die einfach stattfinden und dein Leben verändern, wirken im Nachhinein immer koinzident oder gar wie ein Schicksalswink. Alles ergibt dann Sinn, weil sich im Blick auf das Vergangene die Puzzle-Teile zusammenfügen lassen, im Moment der Begegnung allerdings alleine diese enge Verbindung spürbar ist, ohne auch nur zu ahnen, dass dieser Mensch ein wichtiger Bestandteil des eigenen Weges werden wird.

    Ich glaube an Begegnungen. Ich weiß, dass jede, ob klein oder groß, wichtig oder unwichtig, eine bestimmte Bedeutung und Wirkung hat. Wenn es sich um eine kurzweilige Situation handelt, kann es sein, dass wir für den anderen wichtig waren, handelt es sich um eine längerfristige Auseinandersetzung mit einem Menschen, ist sein Wert für unser Leben, ob negativ oder positiv behaftet, schon offensichtlicher. Es gibt sogar lästige Begegnungen, die später dann erklärbar werden, sogar Dankbarkeit auslösen, weil sie Teil der eigenen Entwicklung waren oder die eigene Persönlichkeit mit verändert haben.

    Und natürlich wird so ein Zusammenprall immer eine Begegnung mit uns selbst, denn wir, um den anderen zu erreichen, beginnen ein „Gespräch“, das sich sowohl an ihn als auch an uns selbst richtet, ganz automatisch. Wir fangen an, uns zu hinterfragen, auf einmal wieder neu, wie wir auf ihn wirken, wer wir sind, was wir von unserem Leben erwarten, stellen uns zumindest in ein Licht, das uns etwas deutlicher zeigt (und ich meine nicht diese verblödete Maske der Schokoladenseite, die aus genau diesem Material besteht und sofort bröckelt oder schmilzt, wenn es tiefer geht (die man im Laufe seines Lebens auch gar nicht mehr bereit ist, aufzusetzen), ich meine vielmehr die aufkommende Freude, sich diesem Menschen überhaupt wieder zeigen zu wollen, eben weil die Basis stimmt). Wir lassen sowohl den Blick als auch die Auseinandersetzung mit uns selbst zu, gerade auch darum, weil der andere nun einmal solche Fragen beantwortet haben möchte, ohne die Frage selbst stellen zu müssen. Dieses Öffnen ist heilsam und zeigt umso deutlicher die Illusion der Isolation.

    Beide Charaktere wachsen dabei irgendwie aufeinander zu, ohne es zu beabsichtigen. (Natürlich bleibt auch vieles Deutung, aber eine, die nicht schadet.) Auch das geschieht von selbst, wie durch den Antrieb einer inneren Stimme.

     

    Daneben gibt es endlose Begegnungen mit Menschen, die kommen und wieder verschwinden. Ist dagegen die ganz bestimmte Person eingetroffen, spürt man es sofort. Irgendwas passt einfach unfassbar gut zusammen oder löst eine eigenartige Unruhe aus, ein Kreis öffnet und schließt sich um das Ganze, weil es auf einer ganz bestimmten Ebene stattfindet. Nicht die Gedanken, nicht die Ansichten, nicht die Einstellung muss übereinstimmen, es ist etwas anderes, etwas das ein Miteinander oder Gespräch unglaublich vereinfacht, eine gemeinsame Basis, auf der man einander nahtlos erreicht, und sei es auch nur für den Moment, der notwendig ist.

    Ich erkenne solche Begegnungen immer daran, dass die Unterhaltung „uralt“ scheint und mühelos ist, einfach dahinfließt und auch beendet wird, ohne dass der andere das Schweigen oder den Abbruch überhaupt wahrnimmt. Solche Gespräche werden an gleicher Stelle wieder aufgenommen, und sie sind auch nur unter diesen Umständen möglich, dass jemand in unser Leben getreten ist, der eine Rolle spielt.

    Wie langatmig oder schwer sind dagegen die aufgezwungenen Gespräche, denen man sich aus Höflichkeit widmet. Und dann gibt es noch die Menschen, die ständig um eine Unterhaltung bitten und schließlich, hat man sich die Zeit genommen, nichts zu sagen wissen. Man kann auch gemeinsam lachen oder herumalbern, um wenigstens irgendwie miteinander zu kommunizieren, was mir persönlich dann noch am besten gefällt. Genauso angenehm empfinde ich „literarische Begegnungen“, die auf der Basis poetischer Sentenzen stattfindet oder in der Grundvoraussetzung einer gemeinsamen Liebe zu Büchern oder zur Kunst. Alle Gespräche, die anstrengend sind, ergeben letztendlich kein Miteinander.

    Hölderlin hat es in der dreißigjährigen Zeit seines „Wahnsinns“ ganz gut gelöst. Er hat die Höflichkeitsfloskeln dermaßen übertrieben, dass die Leute schnell wieder die Flucht ergreifen wollten. In meinen Turm finden auch nur ganz bestimmte Menschen Eingang. Auch darum, weil sie die einzigen sind, die die Tür sehen können. Alle anderen rennen gegen das Mauerwerk. Manchmal auch, ohne es zu bemerken.

     

    (Hier sollte ich jetzt lächeln … was ich auch tue.)

     

  • Zeus ruft ...

    Dienstag, 12. Januar 2016 - in Erlebnisse im Bild




    Der Olymp ist mir allgegenwärtig. Er taucht in der Ferne auf, wenn ich vor die Tür trete und die Sicht klar ist, ich sehe ihn von meinem Balkon aus oder wenn ich einige mir besonders liebe Strände in meiner unmittelbaren Umgebung aufsuche, die hauptsächlich dadurch bestechen, dass man dort ganz alleine ist, höchstens einige Angler ab und an auftauchen, ganz selten auch ein Schafhirte mit seiner Herde, die mal klanglos, mal röhrend laut vorüberstreift, oder jener Wahnsinnige, der zu jeder Jahreszeit nackt schwimmen geht. In den besonders kalten, winterlichen Temperaturen legt er sich erst einmal zehn Minuten in die Sonne, um den Körper aufzuheizen, während ich, dick angezogen, weitab sitze, bis ich ihn dann in schnellem Gang auf das Meer zugehen sehe, in dem er für einige Zeit verschwindet, manchmal noch Kopf wird, der auf dem Wasser treibt. Wir kennen uns von weitem schon lange und grüßen einander, ohne das Wort aneinander zu richten. Das gefällt mir, gerade weil ich dort auftauche, um Abstand von der Welt zu gewinnen, während er, aus wohl ähnlichen Gründen, abtaucht, um dazu noch seinen Körper gesund zu halten. Ich weiß nicht, ob ich Bewunderung hege oder einfach nur lächeln muss. Eigentlich ist es mir egal. Er gehört zu diesem Meer-Erlebnis genauso dazu wie der Berg in der Ferne.

    Erstaunen dagegen tut mich etwas anders. Es ist eigenartig, wie sich das Bergmassiv des Olymps mit dem Licht, den Wolken, der Bewegung des Wassers verändert, wie es vor meinen Augen innerhalb von Minuten wächst und schrumpft. Besonders schön ist es, wenn die gesamte Atmosphäre wie eine Zwischendimension wirkt, alles wie im Zwielicht ruht. Der Berg erhebt sich dann vor mir wie eine Fata Morgana, zeigt seine schneebedeckten Gipfel und verschwindet genauso schnell wieder hinter rauchenden Wolken.

    Weshalb ich in letzter Zeit gerade diesen Strand immer wieder aufsuche, liegt nicht nur daran, dass hier die Atmosphäre stimmt, sondern auch daran, dass es der Lebensraum von Delphinen ist, die im Winter (also in der besonders menschenleeren Zeit) bevorzugt auftauchen und mich so an ihren Spielen teilhaben lassen, ein Schauspiel, an das ich mich nie gewöhne, so sehr wirken ihre wunderschönen, gleitenden Bewegungen wie ein Wunder. Sie ziehen in einer größeren Horde Richtung Thessaloniki oder springen in der Ferne vor Frachtern und Schiffen dahin.
    Seit ich sie entdeckt habe, frage ich mich manchmal, ob sie nicht schon häufiger zu sehen waren, mein Blick dafür aber blind war. Nun jedenfalls ist er geschärft und ich erkenne sie fast immer. Sie haben eine bestimmte Zeit, in der sie erscheinen. Wenn ich Glück habe, sind sie so nahe, dass ich jedes Detail erkenne. Sie springen in unglaublicher Höhe, als ob eines dieser Tiere die Welt auskundschaftet, während die anderen dann zu zweit, zu dritt den gleichen Weg nehmen. Dieses Ereignis dauert immer nur einige Minuten, doch es erscheint mir wie eine Ewigkeit.


    (Foto: A. Jagenholz, 11. Januar 2016)

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  • Emotion vs. Verstand

    Montag, 11. Januar 2016 - in Das Ich - Reflexionen

    Ein Blick auf Abgründe, die zurückblicken ...

     

    Als Gefangener seiner Leidenschaften ist es fast unmöglich, geistig zu arbeiten. Ganz einfach, weil die Lust daran vollkommen verloren geht. Darum auch mein so langes Schweigen, kein Gedanke mehr, der mir sinnvoll erschien, um ihn tatsächlich hier festzuhalten.

    Es war wie ein Kippen meiner selbst in alle Richtungen, ohne mich dabei noch wirklich zu spüren, mit dem gleichzeitigen Nutzen aller Ablenkungen und Fluchtmöglichkeiten, die mir gegeben und die unfassbar vielseitig  waren. Oft schaltete ich auch einfach ab und überließ mich der Natur, dem Meer, der Sonneneinwirkung, was mich dann auch wieder gestärkt hat.

     

    Alleine die emotionale Ausdrucksform ist unter solchen Umständen tatsächlich machbar, demnach Kunst und schöpferische Arbeit, die bei mir grundsätzlich und nur noch auf Emotion baut, fernab der „Idee“, als ein bewusstes Zeigen innerer Welten, die dadurch alleine mein Ausdruck sind und auch meinen ganz persönlichen Stil bestimmen, unabhängig davon, ob er andere Menschen anspricht oder nicht, was sie hineindeuten oder ob sie versuchen, mich über das Gezeigte zu definieren. Auch wenn ich Menschen durchaus nicht als „Nicht-Ich“ sehe, sondern immer als ein „Anderes-Ich“, die innere Verbundenheit dennoch spüre, ohne ein „Ich-noch-einmal“ zu erblicken (soweit bin ich vielleicht noch nicht), ist mir das, was sie denken, eher gleichgültig, zumal es ihre Welt ist, nicht meine, ihre Sicht, nicht meine, ihre Deutung, nicht meine … usw.. Das hat in meiner Auffassung von Welt und Sein nichts mit der inneren „Energie“, die durch uns alle strömen mag, zu tun, weil über dieser nun einmal die Maske der Meinung und Bildung festsitzt. Ist sie bei anderen Menschen gelöst, ist auch der Kontakt einfacher. Solcherart Begegnungen habe ich durchaus erleben dürfen und bin auch froh darum.

    Wenn Kunst einen anderen Menschen erreicht, dann liegt es weniger am Ausdruck oder Stil des Künstlers als am Betrachter, der diese Welt für sich entdeckt und mit seinen Sinnen und Ansichten interpretiert. Der Künstler hat dabei (mit mehr oder weniger Talent begabt) nur gezeigt, was er empfindet oder die Idee umgesetzt, die ihn beschäftigt, muss dabei noch lange nicht im eigentlichen Sinne verstanden werden. Daher ist auch das gezielte Umsetzen einer Idee für mich sinnlos in der Kunst geworden, eben weil es irgendwie plakativ ist. Das, was mich früher am "offenen Kunstwerk" fasziniert hat, ist einer Loslösung aller Hinweise gewichen. Das, was ich ausdrücke, ist ganz einfach das, was sich abbildet; und den Rest behalte ich für mich. Gefühle erreichen andere Menschen eben doch leichter als Ideen oder reine Gedankenkonstrukte, so schön sie auch sind. Trotzdem kann der Ausdruck individuell, das heißt, einmalig bleiben, emotional vielleicht noch mehr als intellektuell. Fast scheint mir, dass Kunst überhaupt die Aufgabe hat, Emotionen zu projizieren, nicht Konstrukte zu verkörpern, die auf anderem Weg besser ausgedrückt sind. Das alles hat sich als Ansicht in mir komplett verändert.

    Der schmale Grat zwischen Wirkung und Nicht-Wirkung eines Bildes bedarf noch vieler anderer Aspekte, die über den künstlerischen Ausdruck und die Auffassung des Betrachters hinausreichen, darunter Zeit, Ort, Stimmung und ähnliches. Dass Kunst allmächtig ist und verändert, glaube ich weniger, aber alles, was in uns dringt, wird Teil unseres Seins und daher auch das, was wir in Kunstwerken erblicken. Kunst ist eine eigenwillige Kraft mit starker Wirkung, wenn sie erreicht.

    All das habe ich bis zur Ekstase gelebt und werde es natürlich auch weiter tun, weil es für mich Atmung ist. Der reine Schöpfungsakt ist dabei genauso wichtig wie die geistig klare Auseinandersetzung in Schrift und Gedanken, kann dabei manchmal natürlich auch nur Flucht und Ablenkung bleiben, aber eine, die etwas hervorbringt, die nicht restlos verpufft, wie die Zeitverschwendung an für mich bedeutungslose Dinge, denen ich mich nur widme, weil ich weiß, dass dabei nichts herauskommt, als eine Art Trotzaktion gegen mich selbst. Das ist die beständige Ambivalenz meines Charakters.

     

    Schreiben, wozu ich einen klaren und kühlen Verstand benötige, ist nicht unter emotionaler Belastung möglich, besonders dann nicht, wenn das Feuer, die Obsessionen, die Gefühle toben. Der Verstand ist gegenüber dem Geist sowieso begrenzt, unter Belastung dagegen verengt er sich auf einen winzigen geballten Kern, der nichts hindurchlässt und wie ein schwarzes Loch alles verschlingt. Was dann herauskommt, ist eher ausgekotzt, also nur die sehr emotionale Auseinandersetzung mit den eigenen Bedingungen, wobei der Blick kaum geschärft auf den Dingen ruht, sondern das Schreiben vielmehr ein Ventil bildet, ein reines Luft-Ablassen, was durch Kunst-Schaffen dann doch einfacher ist, da dort wenigstens nichts geordnet werden muss.

    Nun, da ich wieder zu einer inneren Ruhe zurückgefunden habe, weil sich mit der Zeit zum Glück alles legt, gerade das Chaotische und Verwirrende, eine Zeit, die einem unendlich erscheint und ohne Lösungsvorschläge vergeht, wird auch der Akt des Schreibens wieder sinnvoll und verhilft mir zu schönen Momenten des Nachdenkens. Das alles geschieht dann ohne die geistige Raserei und ohne zum Gewaltakt des Denkens zu geraten als eine beständige Selbstmarterung der eigenen Persönlichkeit und Suche danach, wer ich bin, obwohl ich ja immer vorhanden, immer Ich bin, selbst dann, wenn ich geglaubt habe, dieses Ich nicht zu erkennen oder einfach auslöschen zu wollen. Aber gerade darum war ich das Ich, das sich nicht erkennt, also ein Selbst auf der Suche.

    Das Ich als bedrohliche Erscheinung aus buddhistischer Sichtweise ist für mich immer noch nicht negativ genug behaftet, um es loszulassen, denn ich sehe es selbst mit den tobenden Emotionen und der Leidanhaftung als wesentlich und bereichernd für das eigene Leben. Es ist nur wichtig, es als Maske zu begreifen, die zwar Schutz bietet, aber auch zulässt, sich selbst nicht zu ernst zu nehmen, während das innere Selbst die Quelle spiritueller Verwirklichung bleibt, die in jedem Menschen ruht.

    Ohne diese schmerzvollen Selbstquälereien kann kein Mensch zu sich selbst finden. Ausgeglichenheit ist nur nach dem Schachtfeld möglich, das wir uns selbst bereiten. Es sollte aber, wenn schon vorhanden, dann wenigstens ein eigener Entwurf sein, nicht das Schlachtfeld der anderen.

     

    In solchen Situationen des Emotionschaos‘ ist bei mir das Bedürfnis, etwas festzuhalten oder sogar über „höhere Dinge“ nachzugrübeln und zu reflektieren, nur bedingt vorhanden, manchmal gar nicht. Dann ist mir der leere Kopf tausendmal lieber, der das Klammern an Gedanken nicht zulässt, sondern sie durch den Geist wehen lässt, um sie zu betrachten. Auch wenn der Buddhist hier Frieden findet, blieb bei mir ein Rest an Zweifel zurück. Statt Zufriedenheit, fühlte ich eher Stumpfsinn, der mich einlullte.

    Das, was in mir brodelt, soll sich nicht in ein bloßes Glimmen verwandeln, dazu benötige ich (noch) zu viel Flamme, um meine inneren Gedanken und Gefühle zu verwirklichen und beispielsweise in ein Bild zu setzen. Was dagegen allerdings abhandengekommen ist, und zwar komplett, ist der Wunsch, etwas zeigen bzw. vorstellen zu müssen. Das Zeigen selbst ist nicht das Problem, sondern das Zeigen-Wollen, um sich selbst in Szene zu setzen, dafür aber dann auch viel Aufwand und Einschränkung in Kauf zu nehmen. Ich habe kaum noch das Bedürfnis, tatsächlich zu zeigen, wer ich bin, zumindest nicht Menschen, die sich über mich ihre subjektive Spiegel-Meinung bilden. Es ist vielmehr eine reine Reflexion, die mich innerlich bereichert und einen schriftlichen Ausdruck findet, der wiederum nur ganz abseits steht und gefunden wird oder nicht.

     

    Viele Schritte, die ich getan habe, waren reine Selbstüberwindung und kosteten auch viel Kraft und teilweise sogar Selbstverlust. Der Rückzug vor einer lärmenden Welt war sicherlich ein bedeutender Teil davon, den ich nicht missen möchte. Verzicht brachte einiges an Erkenntnis und umso besser verstehe ich heute Sokrates, wenn er sagt:

     

    „Wie vieles gibt es doch, das ich nicht nötig habe.“

     

    Nichts ist übrig geblieben, weder die Sehnsucht nach bestimmten Bedingungen noch die so hoch gepriesene materielle Hetze, über die sich die meisten auch noch definieren. Mit so wenig kommt der Mensch aus, doch er verliert inmitten von Welt und Erziehung den Sinn dafür und kompensiert, schafft sich immer weiter Surrogate, die ihn am Ende wahrscheinlich totlangweilen (weil sie eben nur Abbilder der Befriedigung sind). Es gibt nichts Wertvolleres für mich, als eine Stille, die mich ganz auf mich selbst zurückwirft, die mir antwortet, wenn ich lange genug lausche, die ich alleine unterbreche, um Klänge zu vernehmen, die sich mir tief verinnerlichen, so in erster Linie die drei Schritte hinaus vor meine Tür, um das Meer rauschen zu hören. Alles andere habe ich abgeschafft, insbesondere die mich schon immer belastende Quelle der medialen Manipulation durch den Fernseher.

    Dennoch ist das alles erst ein geringer Teil der Strecke, die ich für mich zurücklege, da ich als wichtige Grundbedingung immer noch Ruhe benötige, um mich ganz zufrieden zu fühlen. Es ist schwerer inmitten von Lärm und Bewegung, in der Konfrontation mit Mensch und Welt, diese innere Ruhe zu bewahren, obwohl genau das die Antwort wäre, sich überall und unter allen Bedingungen auf sich selbst zurückzubesinnen und auch diesen Zufluchtsort aufzusuchen, um weiter ausgeglichen dem Leben zu begegnen. Es wäre wichtig, diesen inneren Raum jederzeit öffnen zu können, ohne sich gestresst zu fühlen oder als reine Flucht vor dem Leben. Doch ich glaube, dass diese Richtung eine ist, die mich weiter beständig verändert und damit zu mir selbst führt. Die Ansicht, dass jeder Mensch im Grunde seines Herzens und Charakters immer gleich bleibt, teile ich nicht (mehr), denn ich bin der lebendige Beweis dafür.

     

     

     

    „Der Pilger,

    Die Wallfahrt und der Weg:

    Nichts anderes als ich

    Hin zu mir.“

     

    (Farid Addin Attar „Vogelgespräche“)

     

  • Μόνο ο πλούτος της ψυχής είναι καλός.

    Sonntag, 10. Januar 2016 - in Philosophie

    Zu viele Menschen jagen, durch Muster der Gesellschaft geprägt und daher auch ganz ohne geistigen (eigenen) Anspruch, Willens- und Wunschakten nach, häufen Reichtum und Besitz an, suchen Beschäftigung, Ablenkung, Vergnügen, Zielumsetzung, errichten Gebäude aus Notwendigkeiten, Abhängigkeiten und Hoffnungen, die letztendlich immer nur Illusion bleiben und sie selbst innerlich kaum bereichern. Dennoch ist dieser Zwang für viele Menschen der einzige Antrieb, zu zeigen, wer sie sind, was sie können, was sie erwarten. Alles Äußere ist vergänglich und verändert sich immerfort. Das ist kaum neu und bringt notwendig Verlust mit und damit Leid. Alleine die innere Quelle kann wachsen und stärker werden, dass sie Raum genug bietet, sich selbst zu erkennen und (nach eigenen Ansprüchen) zu entfalten, die Welt zu erfassen, das Sein zu entschlüsseln. Und nur der ist stark oder durch sich selbst gestärkt, der sich diesen Freiraum auch bedingungslos nimmt, aber sich dennoch nicht als abgegrenzt, sondern als Ganzes im Ganzen begreift.

    Alle Probleme, Ängste, Sorgen, die auf äußere Bedingungen fallen, (fast lässt sich sagen: immer auch nur äußere Reize bleiben), sind dementsprechend verschwendete Atmung und vergeudete Zeit, weil einzig wahr das ist, was in uns selbst liegt, so sehr uns auch anderes vermittelt und durch eine Gesellschaft in ihren Zwängen aufgedrängt wird, die mit allen Mitteln versucht, den Menschen an die eigenen Bedingungen anzupassen und zu manipulieren. Sei Baustein. Sei wertvoller Baustein. Sei, was wir wollen. Leider entspricht dieses Baustein-Dasein nicht immer den inneren Bedürfnissen.

    Unsere subjektive Welt ist die, die uns eine äußere Welt aufzeigt. Diese richtet sich in Aussehen und Wirkung nach unseren inneren Empfindungen. Sind diese ängstlich, gierig, kurz: niedriger Gesinnung, wird die Welt sich wohl kaum anders zeigen. Sie bleibt genauso klein und erbärmlich wie der Mensch, der sie wahrnimmt. Anders verhält es sich bei einem Menschen mit geistiger und innerer Zufriedenheit. Die Welt, die hier erblickt wird, entspricht, trotz der Schrecken, Leiden, Schmerzen dennoch dem inneren Empfinden, was bedeutet, so ein Mensch wird immer auch die Lichtblicke zwischen den Schatten wahrnehmen, wohingegen der andere die Schatten für die einzige Realität hält und diese zum Vorwand nimmt, sein Leben nicht zu verändern und weiter nach Illusionen zu streben, gar triebhaft und verschlagen zu handeln, nur weil die Welt bestätigt, was er von ihr hält.

  • Flamme oder Flammenmeer

    Samstag, 9. Januar 2016 - in Philosophie

    Wie eng bleibt doch der eigene Empfindungskreis, was uns oftmals gar nicht bewusst ist. Die leidenschaftlichsten Menschen können unter solchen Umständen zu reinen Gefühlskrüppeln werden, nur weil sie die Bedeutung von Situationen, Ereignissen, Begegnungen und Gefühlen anderer Menschen ganz einfach nicht wahrnehmen, was wiederum durch unsere subjektive Sichtweise und den durch unsere innere Welt gesteuerten Blick auf die äußere Welt naturgemäß ist. Nur das, was uns direkt erreicht, löst Leidenschaft und Interesse aus. Über Umwege können uns auch die anderen Umstände erreichen, so dass wir sie wenigstens erkennen, aber nie in gleichem Feuer. Das ist der Grund, weshalb uns manches überraschend trifft.

    Alles Fühlen, Denken, unsere Interessen an Bedingungen und Menschen sind nur so weit offen, wie wir ihnen Raum zugestehen. Und dieser ist für das uns Wichtige riesig, manchmal sogar zu riesig, für alles andere sehr klein und meistens auch „blind“.

    Alles, was uns nicht direkt angeht, liegt verblasst am Horizont, verdeckt (wenn auch nicht gänzlich) von der Schicht an Interessen und Ereignissen, die uns direkt bewegen. ‚Bewegen‘ ist in diesem Zusammenhang auch ein besseres Wort als ‚beschäftigen‘, denn im Grunde bleibt nur das existenziell, was uns in Bewegung setzt, uns also dazu auffordert, zu handeln bzw. uns mit uns selbst auseinanderzusetzen, dementsprechend Veränderung nach sich zieht. Alles, was uns dagegen beschäftigt, kann wieder verloren gehen und liegt dann in gleicher Form vergessen hinter der Schicht, die das Wesentliche unserer Sicht umhüllt, was nicht automatisch heißt, dass die Dinge hinter dem Nebel für uns bedeutungslos sind. Sie sind bloß noch nicht sichtbar.

     

  • Wenn das Wort zu klein ist ...

    Mittwoch, 25. November 2015 - in Tag-Gedanken

    Es ist häufig so, dass vieles banal wirkt, sobald es in Worte gefasst wird, weil es schon tausendmal gesagt wurde. Aber du hast es selbst erfahren und willst es teilen, weil es dich bewegt und verändert hat. Und dann stellst du fest, dass das Wort einfach nicht genügt, dieses intensive Gefühl zu verdeutlichen, völlig gleichgültig, wie gut du bist und wie scharf- und tiefsinnig du Worte für alles findest, selbst wenn das Ganze wirklich geometrisch genau beschrieben ist und nur das eigene Erlebnis spiegelt. Alles, was dann in Worten ausgeleert werden konnte, ist das, was schon tausendmal gesagt wurde. (Wie auch dieser Gedanke.)

  • Gegen den Größenwahn der Durchschnittlichen

    Sonntag, 14. April 2013 - in Literatur



    „Im Besonderen erzürnte ihn bei diesen mittleren Schriftstellern der Hochmut, ihr Olympiertum, jenes Bewusstsein ihrer Bedeutung, das bei ihnen tatsächlich stärker ausgeprägt ist, als bei solchen, die wirklich herausragend sind.“

     

    Das schrieb Chodassewitsch* in seinen Erinnerungen. Gemeint ist hier das Wesen bzw. die Einstellung von Gorki**.

    Emmanuel Bove*** hat es noch besser ausgedrückt:

     

    „Der Erfolg verdreht nur jenen den Kopf, die den eigenen Wert überschätzen.“

     

    („Journal, geschrieben im Winter“)

     

     

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    *  (Die Erinnerungen von Wladislaw Chodassewitsch, unter der Ausgabe „Nekropolis“ zusammengefasst, sind übrigens ganz hervorragend geschrieben und ein wichtiges Zeitdokument für das „silberne Zeitalter“, da es aus der Sicht des Dichters und Künstlers, nicht Historikers verfasst ist. Chodassewitsch hat einen faszinierend klaren Stil, durch den all die, die bekannt und die, die unbekannt, die schrieben, dichteten, Kunst schufen oder ganz einfach die nach innen gerichteten Kunstwerke ihrer selbst waren, lebendig werden, so menschlich und lebendig, wie sie bei ihm auch sterben und in ihren Schöpfungen und der einstigen Anwesenheit ihre ganz eigenen Gesichter zeigen.)

     

    ** (… Gorki, der alles las und sich für alles interessierte, ein Elefantengedächtnis hatte, dass er bei anderen den Kopf schüttelte, wenn sie über ein Ereignis, das irgendwann in irgendeiner kleinen Zeitung stand, nicht aufgeklärt waren, der alles mit dem Korrekturstift las, sogar die Zeitungen, auch oder gerade dann, wenn er sie danach wegwarf. Der fasziniert von Betrügern und Dieben war, dass es fast schon „an Protektion grenzte“ … )

     

    *** (Naja. Warum nicht auch zu ihm noch eine Anmerkung. Obwohl, zu Emmanuel Bove muss man eigentlich nichts sagen. Dieser Schriftsteller steht auf seinem ganz eigenen Thron. Für mich einer der größten unter denen, die „hinausschrieben“, was hinaus musste, der den aus der Gesellschaft verstoßenen Außenseiter, der für die eigene Freiheit (und sei es Lustlosigkeit) kämpft,  auf ganz eigene Art und Weise ins Wort kleidete. Bin ich eine Boveianerin? Jawohl. Ich bin eine.)

     

     

     

     

     

    (c) Annelie Jagenholz

  • Marionette oder Mensch

    Montag, 8. April 2013 - in Literatur

    „Doch wahre Reisende sind nur solche, die fortgehen

    Um fortzugehen, die Herzen leicht, ähnlich den Ballons;

    Die sich von ihrem Geschick nie unterscheiden

    und immer sagen „Gehen wir!“, ohne zu wissen, warum.“

     

    (Baudelaire)

     

     

    Eines der schönsten Gedankenspiele Heinrich von Kleists ist sein Essay "Über das Marionettentheater". Dieses Gespräch entfacht beim Leser sofort eine ganze Gedankenflut, die ihn einmal mehr auf sich selbst zurückwirft, ist zeitunabhängig und ewig aktuell.

    Kleist hatte eine Nomadenseele, war ständig auf der Suche nach sich selbst und hielt es an keinem Ort lange aus. Er schlug seine Wurzeln nicht in Häuser und Stühle, war nicht bereit, sich in ein Muster pressen, sich Stellungen aufzwingen zu lassen oder einem Kleist-Abbild zu entsprechen, das verfremdet alleine Erwartungen erfüllte. Das machte ihn mitunter zu einer unsteten Seele, der es nicht gelang, zu sich selbst zu finden. Die Kant-Krise, die ihn überfiel, dass die Wahrheit der Dinge nie zutage treten würde, so sehr er auch danach forschte, dass alles, was er erblickte, verfälscht war, spiegelt die Sehnsucht Kleists wider, eine innere Sicherheit finden zu wollen, die ihm letztendlich nur im Tod möglich schien, wo er sich gegen Ende seines Lebens so innerlich wund fühlte, dass ihm, wenn er die Nase zum Fenster hinaushielt, das Tageslicht schmerzte. Dennoch zeugen seine Schriften und Werke von jener Suche.

     

     

    "Das Paradies ist verriegelt und der Cherub hinter uns; wir müssen die Reise um die Welt machen, und sehen, ob es vielleicht von hinten irgendwo wieder offen ist."

     

     (Heinrich von Kleist "Über das Marionettentheater")


    In seinem Essay führt Kleist dem Leser eine Unterhaltung zwischen zwei Menschen vor Augen, die darüber diskutieren, ob eine mechanisch gelenkte Marionette mehr Grazie durch ihre Berechnung und Führung entwickeln könnte als ein lebendiger Tänzer. Der Tänzer bewundert den Schwerpunkt der Marionette an ihren Fäden, träumt davon, eine perfekte Figur zu erschaffen, die jenen göttlichen Funken wiedergeben könnte, der im Tanz erahnt, von Menschen und Tänzern jedoch selten erreicht wird, denn der Mensch ist nicht perfekt und ringt mit seinen geistigen und körperlichen Gebrechen, seinen Selbstzweifeln, seinem Unvermögen, perfekt zu sein.

     

    Das Gespräch führt bis hin zu Beinprothesen, die als Wunder der Mechanik nicht nur den Schritt wieder möglich machen, sondern gar im Kreis ihrer Möglichkeiten einen ganz eigenen Tanz, doch was dem Menschen tatsächlich fehlt, ist etwas ganz anderes, die Einfachheit seiner selbst, nicht um seines Körpers, nicht um seines Tanzes willen, sondern um eine natürliche und schöne Seele bereichert, wie auch der Mensch dankbar zu sein hat, für das, was er ist und kann.

     

    Lukian schrieb:

    "Wahrhaftig, guter Charon, du würdest keine Worte finden, das Lächerliche
    der eitlen Bestrebungen zu schildern, in welchem die Menschen sich abmühen."

     

    Darauf möchte auch Kleist hinaus. Sein Ich-Erzähler berichtet dem Tänzer die Geschichte eines jungen Narziss‘, der sich in ganz natürlicher Bewegung einen Splitter aus dem Fuß holt, sich in dieser Haltung im Spiegel erblickt und dabei selbst gefällt. Als ihm dann geraten wird, die Haltung zu wiederholen, da er sie nie wieder in gleicher Eleganz erreichen würde, versucht er sich daran und muss einsehen, dass es der Wahrheit entspricht, die natürliche Haltung durch den Versuch ins unnatürliche kippt. Nach einem Jahr hat sich der eitle junge Mensch verändert, hat jede Spur an Lieblichkeit und Fröhlichkeit eingebüßt. Was er aber wirklich verloren hat, darauf will Kleist wohl hinaus, ist seine Selbstsicherheit, sein Vertrauen, und damit das, was jeden Menschen, selbst wenn er nicht perfekt ist, ausmacht, die eigene Persönlichkeit, genauso, wie sie ist, das Natürliche seiner selbst, damit der Einklang zwischen Körper und Geist, Natur und Sein, Mensch und „Gott“. Diese Natürlichkeit ist nicht nachahmbar, nicht durch die perfekte, mechanisch gelenkte Marionette, nicht durch angeeignete Fähigkeiten und neue Strategien, nicht durch Techniken oder Kunstfertigkeiten, nicht durch den Blick in den Spiegel aller Äußerlichkeiten, nicht im Versuch, etwas Gegebenes ständig verbessern zu müssen und damit immer mehr zu verfälschen.

     

    Mit der Erkenntnis, so Kleist, wich die Unschuld. Das, was der Mensch natürlich in sich fühlt, durchwandert nun den Verstand und wird aus seiner Leichtigkeit gerissen, um in verzweigten Labyrinthgedanken den Faden zu verlieren. So soll der Mensch danach streben, seine Unschuld zurückzuerlangen, nicht durch unnatürliche Versuche, sich selbst zu bestimmen, sondern im Loslassen seiner antrainierten Bewegungen als ein natürliches Zurückfallen auf sich selbst, um sich selbst zu spüren und führen zu können wie der Marionettenspieler seine Figuren. Es geht nicht um Vollkommenheit. Es geht alleine um das Mensch-Sein, den in jedem Menschen vorhandenen inneren Buddha zu beleben, denn die meisten leben vor sich hin, wie es Goethe formulierte:

     

    "Wundersam eigen,
    Die sich immerfort selbst erzeugen
    Und niemals wissen, was sie sind."


    (Goethe, Faust II)

     

     

     

    "Konstrukt"




    © Annelie Jagenholz

  • Übergreifende Werbung

    Samstag, 6. April 2013 - in Politik

    Bei Pravu Mazumdar las ich vor einigen Tagen die Aussage:


    „In der Regel sind die Angebote der Werbung nichts anderes als reizvoll verpackte Kaufanweisungen.“

    (Pravu Mazumdar)

     

    Mittlerweile ist selbst der Reiz daraus verschwunden, die Verdummungsmaschinerie arbeitet alleine mit der Gewohnheit, steuert den Glückstaumel neuer Erwerbungen durch sinnentfremdete Begriffe wie: „Sei frei!“, „Stirb langsam!“, „Geiz ist geil!“, „Dein neues Auto ersetzt deine Sorgen!“.

    Daneben versprechen Versicherungen wie üblich das ewige Leben als bezahlte Abmachung und Banken behaupten (nach den Ereignissen in Zypern) innerhalb der EU weiterhin geschäftstüchtig, dass das Geld und die Anlagen unantastbar bleiben, während daneben seelenruhig Gesetze erlassen werden, wie man die mittlerweile ungünstig gewordenen, unlauteren Mittel der Zugriffe auf Geldanlagen (bei eventuellen Pleiten) ganz einfach legalisiert. Der Plastikruf der Werbung würde sagen: „Vorausplanung ist das A und O!“

     

     

     

     

    © Annelie Jagenholz

  • ἤθος ανθρώπῳ δαίμον

    Sonntag, 24. Februar 2013 - in Philosophie


    θος ανθρπ δαμον 


     

    Alles kennt man schon. Alles weiß man schon, glaubt es, verinnerlicht. Das kann durchaus der Fall sein, allerdings gibt es im Leben immer wieder Phasen, in denen es hilfreich ist, sich erneut all dem zu stellen, was einen voranbringt oder belastet. Wie Heraklit es mit seinem „πάντα ῥεῖ“ formulierte, unterliegt das Leben beständigen Veränderungen. Den Blick immer wieder achtsam nicht nur in die Welt, sondern auch auf sich selbst zu richten, ist eine Notwendigkeit.

     

    • Er ahnt: diese Ordnung ist nicht so fest, wie sie sich gibt; kein Ding, kein Ich, keine Form, kein Grundsatz sind sicher, alles ist in einer unsichtbaren, aber niemals ruhenden Wandlung begriffen, im Unfesten liegt mehr von der Zukunft als im Festen, und die Gegenwart ist nichts als eine Hypothese, über die man noch nicht hinausgekommen ist. 

                                                                                                                                       (Robert Musil "Der Mann ohne Eigenschaften", S. 250, Rowohlt)

     

    Wer mit sich im Reinen ist, kann in der Welt wirken, wird in ihr nie nur das Schlechte sehen, sondern das Leben und all das, was es ausmacht, schätzen und die für ihn geeignete Aufgabe darin finden.

     

    Chögyam Trungpa zeigte anhand der Kriegerschaft der Shambhala-Lehre in seinem „Buch vom meditativen Leben“ auf, dass der Mensch in sich nicht nur Furcht, sondern auch das Potential der Furchtlosigkeit trägt, dass er das Recht hat, so zu sein, wie er ist und in der Welt eine bedingungslose Gastfreundschaft auf ihn wartet.

     

    • „Wenn wir aus der Shambhala-Lehre sagen, dass der Mensch im Grunde gut ist, so meinen wir, dass ihm alles mitgegeben ist, was er braucht, dass er es also nicht nötig hat zu kämpfen.“

     

    Warum aber glaubt der Mensch, er müsse ständig (um etwas) kämpfen? Um seine Würde, um sein Ansehen (oder Aussehen), um seinen Besitz, Erfolg, gar um die Liebe? Um sich selbst, die Erfüllung seiner Träume und Wünsche, gegen andere? Dieser Drang bedeutet nichts anderes, als dass darunter nur eines wuchert: die Furcht. Sie hat viele Gesichter, drückt sich auch sehr vielseitig aus. Ob nun durch Aggression oder Nervosität, Selbstüberschätzung, Ruhelosigkeit oder Rückzug. Immer liegt dahinter eine einfache Bedingung: der Mensch achtet sich selbst nicht genügend, sondern schafft, wenn überhaupt, ein erträgliches „Ebenbild“.

     

    Wirkliche innere Freiheit von den eigenen Wunschvorstellungen, Zweifeln, Sorgen und Vorspiegelungen ist alleine das Vertrauen in sich selbst. Jeder trägt die eigene Verantwortung dafür, wie sein Leben ist, ob es positiv oder negativ, leicht oder schwer ist. So sehr auch Gründe vorgeschoben werden, wo die Schuld anderswo zu suchen ist, so sehr führt, subtrahiert man die Ausreden und Ereignisse nach und nach, der Weg nur wieder zurück auf einen selbst. Wer sein Leben nicht als gut erachtet, kann nur einen Weg gehen: es ändern.

    Was uns zumeist hindert, sind unsere Ängste und Befürchtungen. Sie lähmen nicht nur, sondern lassen uns auch etliche Gründe finden, weiter in dem zu verharren, was wir kennen, denn das Unbekannte schreckt uns zutiefst.  Das ändert aber nichts an den Tatsachen und die eigene Unzufriedenheit bleibt eine Bedingung.

     

    Um sich seinem Wesen und den eigenen Ängsten bewusstzuwerden, muss man sie zunächst an der eigenen Handlung und den Gedanken wahrnehmen, das ewige Vibrieren akzeptieren. Hinter der Angst liegt als erstes Traurigkeit und hat man diese erfasst, kann man sich ihr stellen, sie akzeptieren, sie aus dem Körper spülen, indem man sich ihrer Sanftheit ergibt und zu einer ersten inneren Ruhe findet. Zunächst können Tränen rollen, Einsamkeit sichtbar werden, eine tiefe Sehnsucht oder ähnliche Bedingungen, die das Leben hin und wieder so mit sich bringt. Dies alles sind die ersten Schritte zur Furchtlosigkeit, denn weil wir die Furcht in uns tragen, tragen wir genauso das Potential der Furchtlosigkeit in uns (... nach den Worten Chögyam Trungpas). Wir müssen sie nur erwecken.

     

    Die ersten Schritte hin zur Furchtlosigkeit sind noch nicht großartig. Sie umspielen uns nicht wie eine reine Symphonie und lassen das Herz erklingen. Aber dieses liegt auf einmal nackt und bloß, ist ganz das, was es sein soll. Das reine Fühlen und Erkennen, wer man selbst ist. Darin enthalten ist auch das Hinnehmen der eigenen Schwächen und Mängel, die zum Sein dazugehören, zu der Gestalt des Menschen. Dieser muss lernen, sich so zu nehmen, wie er ist und wertzuschätzen, dass er ist und was er an sich hat. Er muss lernen, die Welt als gut zu betrachten und in ihr und dem Leben das Gutsein, so dass er darüber hinaus auch sich selbst als gut empfindet oder dementsprechend in der Welt handelt bzw. auf diese zugeht.

    Wer sich selbst nicht zu schätzen weiß oder überschätzt, der wird beständig seine eigenen Projektionen an Disharmonie und Zweifel auch auf andere übertragen und unglücklich sein, sowohl durch die Reaktionen als auch durch die eigene Unsicherheit, der Welt und den Menschen nicht gebührend begegnen zu können. Flucht ist eine der Maßnahmen, darunter auch Rückzug oder Ablenkung. All das aber bewirkt keine Lösung der Probleme, sondern verkapselt die Gefühle. Sobald der Gang in die Welt wieder Notwendigkeit wird, kommt wie ein Bumerang auch das so gefürchtete Erlebte zurückgeschleudert, denn es ist alleine die Reaktion auf die eigene, nicht immer bewusst empfundene Aktion. Man erhält zurück, was man ausstrahlt und eine ganze Umgebung formt sich nach der eigenen Einstellung zu dieser, alleine weil man glaubt, sie nach den inneren Empfindungen wahrzunehmen und zu deuten. Fühlt man sich nicht wohl, wird man jede Begegnung als unangenehm empfinden und diese auch als Bedrohung auffassen, damit mit dieser Furcht reagieren, so dass auch der andere wiederum auf die Reaktion reagiert. Ist man zufrieden, strahlt man auch dieses Gefühl aus und erntet das Lächeln, das man selbst schenkt. So formen wir unsere Umwelt. Ist das erkannt, ist man automatisch Träger seines Schicksals und lenkt seine Begegnungen auf seine Weise.

     

    Heraklit sagte so schön:

     

    ἤθος ανθρώπῳ δαίμον

     

    Die Übersetzung dieses Satzes ist nicht einfach und schon gar nicht eindeutig, da sowohl das erste als auch letzte Wort zu Zeiten Heraklits immer beide Seiten einer Medaille enthielten. Ethos – als Art, Sitte, Gewohnheit und Daimon – als sowohl der innere Abgrund (Dämon) als auch das Göttliche (die inneren Qualitäten, Lebenslust, Ideen, Erhöhung) im Menschen stehen als Worte um die Mitte „Mensch“ herum. Grob übersetzt bedeutet diese Wortfolge dann in etwa:

    Dem Menschen ist sein Wesen das Schicksal.

     

    Für mich zeigt sich darin eine tiefe Wahrheit. Der Mensch ist sowohl seine eigene Trägheit als auch die eigene Rettung. Solange er in seinem alltäglichen Verhalten festsitzt, kann er sich selbst nicht entkommen, geschweige denn höhere Räume und damit neue Erkenntnisse entdecken. Öffnet er sich jedoch der inneren zweigeteilten "Wesenheit" (seinem inneren "Dämon" und der "Göttlichkeit"), akzeptiert sie und nutzt sie, wird er zu sich selbst finden.

     

    Wittgenstein wiederum formulierte es über die Form:

     

    • „Dass das Leben problematisch ist, heißt, dass dein Leben nicht in die Form des Lebens passt. Du musst dann dein Leben verändern, und passt es in die Form, dann verschwindet das Problematische.“


    (… zitiert aus Wittgenstein „Vermischte Schriften“)

     

    Und das ist die Verantwortung, ohne die es nicht geht. Das Aufwachen, Bewusstwerden und Ändern eigener „Bestimmungen“.

     

    Es ist also unabdingbar, sich hinzusetzen und über sich selbst zu reflektieren, wahrzunehmen, wieviel Würde darin liegt, still und einfach zu sein und mit dem nun offenen Herz der Welt zu begegnen, der man sich selbst zu öffnen wagt. Begegnungen können gespiegelt, Lachen mit Lachen, Traurigkeit mit Traurigkeit konfrontiert werden. Dadurch wird man den Dingen und Menschen gegenüber immer „wacher“. Alles, was man dann erlebt, wird schließlich nach und nach realer und auch normaler, der Alltag nicht mehr als Last empfunden, sondern als mit Humor zu tragendes Geschehen. Wer sich selbst anerkennt, achtet sich in jeder Lage, beginnt das Leben zu lieben und dankbar für alles zu sein. Und wer wiederum sich selbst nicht allzu wichtig nimmt, kann sich überhaupt ernst nehmen.

     

     

    „Echten Humor erkennt man an seiner Leichtigkeit: Er walzt die Wirklichkeit nicht nieder, sondern begrüßt  und umspielt sie mit leichter Hand.
    (…)
    Als menschliche Wesen sind wir im Grunde wach und fähig, die Wirklichkeit zu begreifen. Wir sind keine Sklaven unserer Lebensumstände, wir sind frei. Frei sein heißt hier einfach, dass wir einen Körper und ein Bewusstsein haben und dass wir uns dazu aufraffen können, mit der Wirklichkeit würdevoll und voller Humor umzugehen. Wenn wir uns aufzurappeln beginnen, wird sich herausstellen, dass das ganze Universum – einschließlich der Jahreszeiten, einschließlich Eis und Schnee und Matsch – uns kraftvoll beisteht.
    Das Leben ist tatsächlich zum Lachen, aber es macht sich nicht lustig über uns. Wir finden heraus, dass wir mit unserer Welt zurechtkommen können, dass wir vermögen, mit unserem Universum angemessen, uneingeschränkt und freudig umzugehen.“

     

    (… zitiert aus Chögyam Trungpa „Das Buch vom meditativen Leben“)

     

     

     

     

     

     

     

    © Annelie Jagenholz

  • Individualität und Ornament

    Samstag, 23. Februar 2013 - in Philosophie

    Eine kurze Überlegung, die mir durch den Kopf ging, als ich folgende Gedanken las:

     

    • "Die Herdenmenschen mussten sich durch verschiedene Farben unterscheiden, der moderne Mensch braucht kein Kleid als Maske. So ungeheuer stark ist seine Individualität, dass sie sich nicht mehr in Kleidungsstücken ausdrücken lässt."

     

    Das schrieb der Architekt Adolf Loos in seiner aufsehenerregenden Schrift "Ornament und Verbrechen". In der Kunst, in der Architektur, im Design und in vielen Bedingungen hat sich seine Idee verwirklicht, was den Menschen und seine Theorie betrifft, leider nicht, denn er geht "mit der Mode" und wird durch diese gelenkt. Demnach ist der Mensch nach Loos erneut rückständig, da er sich nur zu häufig über das definiert, was er trägt und mehr noch über das, was er besitzt - kurz: über das Ornament seiner maskenhaften Schein-Individualität.

     

     

     

    © Annelie Jagenholz

  • Die Faszination "Dostojewski"

    Dienstag, 8. Januar 2013 - in Literatur

    Es gibt keinen Autor, der widersprüchlichere Meinungen über sich und sein Werk hervorrufen könnte, als es Dostojewski tut. Die einen halten ihn für einen Propheten, für einen großen Psychologen seiner Zeit, die anderen können mit ihm und dem Rasenden in seinen Zeilen, dem Gefühls-Überladenen oder der ewigen Suche nach Gott und Mensch überhaupt nichts anfangen. Das gilt nicht nur für das Heute, sondern war auch zu Dostojewskis Lebzeiten der Fall. Während sein Erstling "Arme Leute" Begeisterung hervorrief, wirkte sein beeindruckender "Doppelgänger" ganz anders und wurde von der Kritik (Belinskij und co) völlig zerrissen. Tatsächlich hat Dostojewskis Werk seine Höhen und Tiefen, glänzt durch Philosophie ebenso wie durch die Geschwätzigkeit seiner Figuren. Das aber unter diesen Dingen noch etwas anderes hervordrängt, das ist für mich unbestreitbar.

     

    Wenn die Frage gestellt wird, weshalb viele Menschen, die eigentlich wissen, wo sie im Leben stehen, die "geistige Mühe" auf sich nehmen, ihn zu lesen, gerade in der heute aufgeklärten Zeit, wo diese großen Fragen der Menschheit fast unbedeutend scheinen, dann versuche ich für mich die Worte zu finden, die zusammenfassen könnten, weshalb mir sein Werk so bedeutend, so lieb, so unersetzlich ist. Dostojewski, welches Werk auch immer ich von ihm lese, bleibt in meinen Augen eine unveränderliche Größe, ein unglaublicher Schriftsteller, der weit über seine Zeit hinauswirkt. Um zu wissen, was es ist, das mich so fasziniert, musste ich tiefer in mich hineinhören und denke, ich habe eine Antwort gefunden.

     

     

    Für mich ist Dostojewskis Werk weder schwierig noch kompliziert, weder unzugänglich noch zu gefühlsbetont. Es ist also keine Last, ihn zu lesen, sondern hat gerade mit jener bewussten und bestimmenden Lebensform zu tun, die ich für mich gefunden habe und die sich an den Zeilen Dostojewskis immer wieder aufs Neue stärkt und nährt, wie ein Dürstender in der Wüste.

    Für mich stellt sich die Frage andersherum, wie es sein kann, dass jemand in Dostojewskis Werk nichts findet (was jetzt tatsächlich nur ein Erstaunen ist, kein Unverständnis per se). Für mich beinhaltet sein Werk etliche existentielle Dinge, nicht nur, durch das, was er schreibt, sondern bereits in der Auferstehung seiner Figuren und Gespräche, seiner Auffassung von der Welt, seinem Menschlich-Sein im Roman. Seine Hinterfragungen führen für mich viel weiter, als mir tatsächlich als geistige Hilfe dient oder auch nur dienen könnte. Es ist extremer, tief emotional, wie ein durch Dostojewski gelenkter Blick in den Spiegel und auf mich selbst, um zu sehen, wie ich selbst handele, denke, in der Welt agiere.

    Die Fragen, die er stellt, die er ganz explizit an den Menschen richtet, unabhängig von der Zeit, erreichen mich ganz und gar. Es geschieht im Wirbel der Begegnungen, in der Hektik des Alltags so schnell, dass man viele innere Prozesse nicht weiter durchdenkt oder das, was man moralisches Handeln und Nächstenliebe nennt, ab und an vergisst, anzuwenden. Man gerät damit in ein einfaches IST und versucht, sein Leben zu meistern, vergisst darüber hinaus häufig, was alles dazu gehört, das Leben als Leben selbst wahrzunehmen. Für mich öffnet Dostojewski jene kurzzeitig festgefahrenen Momente und lässt mich erneut erfassen, wer ich bin und Rechenschaft darüber ablegen, wie ich handle, denke, fühle. Es ist also auch eine Art Reinigung.

    Dostojewskis Zeilen berühren etwas, dass mich persönlich immer wieder dazu verleitet, die Dinge neu zu überdenken und enthalten stellenweise tiefe Grundwahrheiten, die mir kein anderer Autor aufdeckt. Das hat nicht so sehr mit seinen Themen selbst zu tun oder den Geschichten, die er erzählt, die für mich lediglich der Spannung und Erzählstruktur dienen sollen, aber im Grunde nicht wesentlich sind, sondern mit den Zwischenfrequenzen, die ich als Leser in seinen Zeilen wahrnehme. Alles dreht sich um das Menschlichsein. Alles hinterfragt, wie der Mensch in der Welt sein sollte, ohne dass Dostojewski Antworten hinwirft, um es dem Leser zu vereinfachen. Im Gegenteil zeigt er einfach so viele Perspektiven auf, dass der Leser genötigt ist, selbst zu denken, selbst zu erschließen, und wenn es gut läuft, auch den Blick allmählich auf sich selbst zu lenken. Die Zeit spielt ja tatsächlich keine Rolle. Ob vor tausend Jahren oder heute, die Grundtendenzen des menschlichen Handelns ändern sich nicht. Das Gute, das Schlechte im Menschen existiert nicht, nur das bewusste Denken und Handeln, denn wie man handelt, das kommt auf einen zurück, daran glaube ich fest. In einfachen Bedingungen ist ein Lächeln ein Lächeln, und schenkt man dieses, dann bekommt man es von irgendwoher zurück. Von wo, ist dabei völlig unwichtig. Von diesen kleinen Situationen kann man dann auch auf die größeren schließen. Man lenkt also auch die Begegnungen, nicht nur die eigenen Schritte. Vielleicht bedarf es hier einzig des Wahrnehmen-Wollens selbst.

    Wenn ich Dostojewski lese, bleibt dabei bei mir etwas Gesammeltes zurück, wie es, von mir aus, ein Buddhist in seiner Meditation erfährt, wenn er den Kopf leert und danach zusieht, in der Welt nach buddhistischen Grundsätzen zu wirken. Ähnliches bewirkt Dostojewski eben bei mir. Daran heran reicht weder die umfangreiche und faszinierende Welt Tolstois, die mir dagegen fast oberflächlich erscheint, weder Turgenjews klarer Stil, noch überhaupt irgendein anderer Russe oder Schriftsteller. Die Faszination entwickelt sich vielleicht auch aufgrund des völligen Begreifen-Wollens und meiner eigenen Interpretation der Worte, die von Dostojewski möglicherweise anders gemeint waren. Sein Werk wärmt mich. Dazu seine Sprache, seine Gedanken, seine Monologe, die aus den Mündern seiner Figuren ertönen, all das ermöglicht es mir, wie kein anderes Werk, mich von ihnen vollkommen einnehmen zu lassen, sie geistig und emotional ganz und gar erfassen zu wollen und auch gar nicht anders zu können.

    Für mich spielt z. B. weder Dostojewskis Hintergrund noch tatsächlich (im Endeffekt) er selbst eine Rolle, sondern alleine dieses Werk, das ich manchmal nur fassungslos bestaune. Hier geht es nicht um die Bestätigung von Gedanken oder um etwas Prophetisches, es geht nicht um eine Entwicklung oder geistige Stütze, es geht nicht um das Erforschen psychologischer Abgründe und Schrecken, es geht für mich alleine um diese ganz typische Dostojewski-Atmosphäre, die nicht erhaben ist, die nicht perfekt ist, die schon gar nicht belehren möchte. Vielleicht ist es gerade das, und dass ich den Menschen immer wieder ausmachen kann. Jede seiner Figuren ist einmalig und unverwechselbar, selbst wenn sie eine gleiche „Rolle“ erfüllen soll. Jede Figur wächst mir irgendwie ans Herz, ohne dass ich es erklären könnte.

    Darum wird Dostojewski für mich immer ein Schriftsteller sein und bleiben, der mich ganz in seine Welt hineinziehen kann, so dass ich aus ihr verändert und tatsächlich besser im Fühlen und Denken hervorgehe. Kurz: Dostojewski ist mir ein Führer im Mensch-Sein, von dem ich durch die Ideale, die er aufzeigt, auch immer wieder für mich selbst die Erkenntnis darüber gewinne, wie ich bin, wie ich auf andere Menschen zugehe, wie ich es besser machen kann. Mag sein, dass das alleine bei mir in dieser Art und Weise stattfindet, aber dass es stattfindet, ist nun einmal der Fall. Er bessert mich innerlich und stärkt dann den Schritt in die Welt hinaus. Er ist so eine Art Selbstreinigung für mich, vereinfacht das Zugehen auf Menschen, stößt mich darauf, dass ich immer wieder neu überdenke, wonach ich strebe und wer ich bin. Kurz: ich gehe aus jedem seiner Werke gesättigt und wieder ganz hervor.

     

     

    Mehr über Dostojewski an dieser Stelle.

     

     

    © Annelie Jagenholz

  • Die nicht geahnte Kunst

    Samstag, 5. Januar 2013 - in Kunst

    Man Ray und die Bescheidenheit

     

    Auf seinem Grabstein steht die Inschrift: “unconcerned, but not indifferent”. Sicherlich war er alles andere als unbekümmert. Man Ray behauptete ganz klar von seinem Werk: "Fotografie ist nicht Kunst." - "Kunst ist nicht Fotografie." Das sagte ausgerechnet der, der mit seinen Fotos wahre Ikonen schuf, denkt man an seine Aktbilder oder surrealen Aufnahmen. Er nutzte nicht das Anliegen der Ewigkeit, sondern die verlorene Belichtungszeit, öffnete sich der erotischen  Transgression des Banalen und Gewohnten. Erst diese neuen Richtungen ermöglichten auch über die Kunst hinaus, z. B. in der Literatur Texte wie die von Breton, Crevel und co, die mit Sex und Tod spielten. Und die Verbindung zwischen Fotografie und Kunst ist nicht nur über die Fotografie selbst zu erspüren, sondern auch stark miteinander vermengt, denkt man an das bekannte Bild von Man Ray, der Dali und seinen Totenschädel interpretiert:


    (Quelle: scoop.it)

    Gerade zu dieser Zeit verband sich wie eine neue Bewusstseinsevolution Kunst mit Fotografie, Literatur und Film. Man Ray drehte mit Marcel Duchamp mehrere Kurzfilme, Dali tat sich mit Buñuel zusammen und der Kunstfilm nahm immer weiter seinen Lauf.

    So gehört also auch Man Ray zu den bescheidenen Künstlern, wie es z. B. über Max Ernst berichtet wurde, der sagte, statt Lorbeeren wäre ihm eine kleine Waldbeere lieber. Wenn für ihn und seine Malerei gilt: "Man malt, weil man neugierig ist, und nicht, weil man etwas machen will. Das ist eine höhere Instanz des Automatismus, die einen dazu zwingt. Dabei ist das Erstaunen über das, was zustande kommt, ebenso groß wie zu Beginn." (Max Ernst) - dann gilt dies auch darüber hinaus für die verschiedenen Einschätzungen der Künstler über sich selbst und ihre Kunst.
    Kunst ist Kunst, könnte man sagen. Und das beinhaltet wirklich alles, was der Vorstellung möglich bzw. durch Wahrnehmung erfahrbar ist, selbst dann, wenn es noch nicht unmittelbar einsehbar ist. Genauso gut könnte man demnach sagen: Kunst ist nicht Kunst.

     

     

     

    © Annelie Jagenholz

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