Selbstgespräche mit 

Fjodor M. Dostojewski


  Dostojewski, Brüder Karamasow, Stawrogin, Dämonen, Myschkin, Idiot, Jagenholz, Literatur, Kunst, Rezension, St. Petersburg

Die Sprache sollte ihre Schönheit und Kraft nicht aus
erlesener Einfachheit schöpfen, sondern aus dem Feuer der Leidenschaft.
Dostojewskij tat sich nie durch Auserlesenheit hervor,
bei ihm findet sich keine einzige Landschaftsbeschreibung wie
bei Turgenjew, Grischin und Paustowskij.
Doch welch furchtbare Kraft lebt in der Sprache Dostojewskijs.
So müssen die Worte dem Menschenherzen eingebrannt werden.
Dann kann es geschehen, dass die Menschen
nach dem verlorenen Sinn der Worte suchen.


(Valerij Tarsis "Botschaft aus dem Irrenhaus" - Possev Verlag, 1965)




Fjodor M. Dostojewski wurde am 30.Oktober (alten Stils) oder 11. November (neuen Stils) 1821 in Moskau geboren und ist am 28. Januar oder 9. Februar 1881 in Sankt Petersburg an einem Blutsturz infolge eines Lungenemphysems gestorben.

Den gesamten Lebenslauf Dostojewskis hier anzuführen, wäre sicherlich zu langwierig (zumal es zunächst erst einmal um die Romane geht), gerne werde ich aber später darauf zurückkommen und etwas zu Dostojewskis Leben und Sein sagen. (Siehe dazu auch das Dostojewskimuseum in meinen "Eindrücken von St. Petersburg".)

Nur soviel sei hier kurz gesagt: Sein Vater wurde durch leibeigene Bauern auf seinem Landgut ermordet, seine ersten Romane waren "Arme Leute" und "Der Doppelgänger", durch die er bereits in literarischen Kreisen Ansehen erlangte. Für "Arme Leute" wurde er hoch gelobt, für den für seine Zeit noch nicht nachvollziehbaren "Doppelgänger" heftig kritisiert.

Dostojewski war zweimal verheiratet. Seine wesentlich jüngere, zweite Frau Anna Grigorjewna wie auch seine Tochter haben Aufzeichnungen hinterlassen, die einen guten Einblick in Dostojewskis Welt bieten.
Dostojewski war wie sein Bruder Mitglied im revolutionären Petraschewski-Kreis. Obwohl er sich vom politischen Inhalt eines Briefes von Belinski an Gogol auf dessen Schrift "Ausgewählte Briefe an Freunde" distanzierte, las er ihn doch einige Male vor und wurde dadurch mit den anderen Mitgliedern verhaftet, dann wegen angeblich staatsfeindlicher Aktivitäten in die Peter-Pauls-Festung gesperrt und zum Tode verurteilt. Kurz vor der Vollstreckung des Todesurteils wurden Dostojewski durch den Zar Nikolaus I. begnadigt , das Urteil wurde in vier Jahre Verbannung (mit Zwangsarbeit) und anschließendem Militärdienstpflicht als "gemeiner Soldat" umgewandelt.

Diese harten Zeiten hat er in "Aufzeichnungen aus dem Totenhaus" großartig festgehalten, die Vollstreckung des Todesurteils samt Begnadigung finden sich ausführlich in seinem Werk "Der Idiot" reflektiert, wo Fürst Myschkin sich mit dieser Situation auseinandersetzt.Trotz dieses bösartigen Einschnitts in sein Leben sprach Dostojewski immer positiv vom Zaren, war ihm dankbar, dass sein Geist sich dieser schicksalshaften Veränderung unterwerfen durfte. Hier ließe sich fragen, was aus Dostojewski geworden wäre, wenn er all das nicht erlebt hätte, wobei diese Frage wiederum ihren Sinn verfehlt, da Dostojewski eben genau das ist, was er erlebt hat - er ist seine Geschichte. Seine Persönlichkeit durchwandert sämtliche seiner Romane, überprüft, was Menschliches, Allzumenschliches ist, setzt sich mit den inneren Abgründen auseinander, hinterfragt, inwieweit der Mensch in dieser Welt seine Rechte verteidigt und wie er von Nutzen sein könnte.

Dostojewski litt an Epilepsie. Er hat sich in seinen Briefen häufig gegen das Schreiben für Geld ausgesprochen, wollte lieber hungern, als zu einer "schnellen Abgabe" gezwungen zu sein. Stattdessen musste er aufgrund seiner Schulden (die nicht nur die eigenen waren, sondern auch durch den Tod seines Bruders zustande kamen) sein Leben lang für Geld schreiben. Seine Werke sind schnell geschrieben, doch die Überarbeitung und die harte Kritik, mit der sich Dostojewski selbst bedachte, sind in den Zeilen zu spüren, denn wie tiefsinnig sind diese ruhelosen Romane trotz dieser Umstände und Schwierigkeiten, ... wie menschlich.

"Übe dich in Demut, stolzer Mensch, und bezwinge vor allem deinen Stolz. Übe dich in Demut, müßiger Mensch und gehe vor allen Dingen einmal ans Werk auf heimatlicher Flur. Nicht außer deiner selbst ist die Wahrheit, sondern in dir; finde zu dir selbst, meistere dich selbst, lerne dich selbst beherrschen, und du wirst die Wahrheit erblicken. Nicht in den Dingen ist die Wahrheit, nicht außerhalb deiner selbst und nicht irgendwo hinter den sieben Bergen, sondern vor allem in der Arbeit an dir selbst. Besiege dich selbst, bezwinge dich selbst - und du wirst frei sein, wie du es nie auch nur erträumt hast. Und beginnst ein großes Werk, und machst andere frei, und erblickst das Glück, denn dein Leben wird einen Inhalt bekommen, und du wirst endlich dein Volk und seine heilige Wahrheit begreifen... Nirgens sonst ist die Weltharmonie, wenn du selbst allen voran ihrer unwürdig, wenn du böse und stolz bist und das Leben ohne Gegenleistung haben willst, ohne auch nur zu ahnen, dass man für das Leben zahlen muss..."


"Die Brüder Karamasow" benötigten die längste Zeit, zum ersten Mal schuldenfrei und ohne Druck im Rücken geschrieben, gleichzeitig waren sie auch sein letztes Werk, wobei bis heute nicht eindeutig erwiesen ist, ob es tatsächlich vollendet wurde oder nicht. Das Werk wirkt in seinem Gesamtkonstrukt stimmig und ist, neben den "Dämonen", mein Lieblingsroman von diesem Schriftsteller.

 

  • „Alles ist gut. Der Mensch ist unglücklich, weil er nicht weiß, dass er glücklich ist. Nur deshalb. Das ist alles, alles! Wer das erkennt, der wird gleich glücklich sein, sofort im selben Augenblick.“


... sagt Kirilloff in "Die Dämonen".


In den "Brüdern Karamasow" formuliert Dostojewski einen ähnlichen Gedanken so:

  • „Das Leben ist ein Paradies, und alle sind wir im Paradiese, wir wollen es nur nicht wahrhaben; wenn wir es aber wahrhaben wollten, so würden wir morgen im Paradiese sein.“


Sein vordergründiges Anliegen war der Mensch und seine Selbstverantwortung und Unabhängigkeit von Zwängen, Aberglaube und Gott. Er suchte einen Weg, wie der Mensch sich von diesen Glaubensketten lösen und stattdessen alleine, aber dann umso besser zurechtkommen könnte, als ein Besinnen, dass der Mensch nur sich selbst hat und darum näher zusammenrücken und füreinander da sein muss. Auch Glaube ist bei ihm nur geistige Ausrede, wenn der Mensch nicht danach handelt. Letztendlich war auch Dostojewskis Atheismus eine Religiosität, die darauf ausgerichtet war, den Menschen zu befreien, ihn auf seine tiefsten Abgründe zu stoßen. Der Mensch soll nach ihm Gestalter seines eigenen Schicksals werden.

Sein Grundgedanke wiederholt sich abgewandelt in all seinen Romanen. Wäre der Mensch in der Lage das Paradies schon als jetziges Leben anzuerkennen, würde sich sein Dasein schlagartig verwandeln und er würde aufhören, den Menschen durch den Menschen zu bekämpfen.
Die Erwartung der Religion auf eine Erlösung nach dem Tod entfernt den Menschen von sich selbst und nimmt ihm seine Verantwortung. Besser ist nach Dostojewski eben ein Handeln ohne Hoffnung auf Belohnung, bis das Leben selbst den Menschen belohnen wird.



(Totenmaske Dostojewskis im Dostojewski-Museum in St. Petersburg)

 

Einführung:

 

Die Faszination Dostojewski

 

 

Seine Romane und Erzählungen:


"Die Brüder Karamasow"


"Die Dämonen"


"Der Idiot"


"Aufzeichnungen aus dem Untergrund"

(auch bekannt als "Aufzeichnungen aus dem Kellerloch")


"Traum eines lächerlichen Menschen"


"Der Doppelgänger"


"Die Erniedrigten und Beleidigten"

 

 

"Der Jüngling"

 

 

 

Gedanken zu seinen

 

Briefen

 

 

 
Gedanken zu Rosanows Werk

 

"Die Legende vom Großinquisitor"








 

 (c) Annelie Jagenholz