"Die Dämonen"

 


Mal wieder hat mich Dostojewski mit einem seiner Romane völlig in den Bann gezogen. "Die Dämonen" ist ein Meisterwerk, eines der besten Bücher neben den "Brüdern Karamasow".
Was Dostojewski auszeichnet, ist seine Fähigkeit, die Charaktere alleine durch ihre Worte lebendig zu machen, sie nur durch das, was sie sagen, zu individuellen Geschöpfen zu gestalten, die man so schnell nicht wieder vergisst.

In den "Dämonen" befinden wir uns in einer kleinen Provinzstadt, in der Menschen leben, die sich mit Vorliebe der Tratschsucht hingeben. Jeder vermutet hinter jedem eine Gestalt mit einem Geheimnis, und ein einmal Ausgesprochenes macht sofort die Runde.

Die Hauptperson ist Nikolai Stawrogin, der im Zwiespalt steht zwischen schöpferischer Geistigkeit und Eros, und, wie Thomas Mann es formulierte, eine der "unheimlich anziehendsten Figuren der Weltliteratur" ist.

Das nun kann ich wirklich nur bestätigen, denn durch seinen Ernst, sein düsteres Wesen, dem Gesicht, das ausdruckslos in seiner Schönheit manchmal fast einer Maske gleicht, schillert er in seiner Unergründlichkeit.

Um ihn gruppiert sich die Handlung, die von einem historischen Vorfall ausgeht, von der später zu düsterer Berühmtheit gelangten „Netschajew-Affäre“. Eine russische Terroristengruppe hatte eines ihrer Mitglieder, einen Studenten, umgebracht, weil er aus der Gruppe ausgetreten war und weil sie seiner Verschwiegenheit misstraute.

Stawrogin redet vom „Geheimbund“, der seine Leute durch Spione überwachen lässt, hier (wie es oft vorkommt) Menschen, die sich selbst kontrollieren, indem sie sich gegenseitig bewachen. Netschajews Absicht war, damit gleichzeitig einen Kritiker auszuschalten und die Gruppe durch den gemeinschaftlichen Mord zusammenzuschweißen. Die Figur Pjotr Werchowenski und die Ereignisse um seine revolutionäre Gruppe basieren auf Netschajew und dem Mordfall.




1.


Am Anfang des Buches, welches in drei Bücher geteilt ist, lernen wir alle wichtigen Persönlichkeiten kennen. Da ist Stepán Trofimowitsch Werchowénskij, ein ehemaliger Hauslehrer und Schöngeist, den Dostojewski in ein herrlich humoristisches Bild kleidet.
Er quasselt das Russisch-Französisch der oberen Klassen (wie wir es ja auch schon bei Tolstoi erfahren haben), nur wirft Stépan Trofimowitsch die Worte herrlich wirr durcheinander, leidet, wenn es ihm zu viel wird, gerne an ein paar kleineren Krankheiten und wirkt auf mich in seinem Wesen lieb und etwas neben sich stehend. Er steht natürlich für einen Menschen, der sich in eine Scheinwelt flüchtet, eine edle, vollkommene und vor allen Dingen in dieser Form nicht existierenden Literaten- und Kunstwelt.
Er hat einen Sohn, den Fanatiker Pjotr.

Dann lernen wir den Juden Liputin, der seine Nase in alle Dinge steckt (… und man konnte sich nur wundern, wie sehr er sich Dinge zu Herzen nahm, die ihn mitunter absolut nichts angingen...), den Studenten Schatoff, einen ganz wunderbaren Idealisten, und den baldigen Selbstmörder und Ingenieur Kirilloff genauer kennen, mit denen Stawrogin wohl in Amerika gewesen ist und dort auf beide einen starken, nachhaltigen Eindruck gemacht hat.

Weiterhin treffen wir auf den ehemaligen Hauptmann und Säufer Lebadkin und seine hinkende, geistig verwirrte Schwester Marja, die Stawrogin heimlich geheiratet hat, und zwar aufgrund einer Wette und, aus seinem Verlangen, die obere Schicht der Aristokraten, in denen er aufgewachsen ist, zu schockieren, insbesondere seine Mutter, Warwara Petrowna, eine recht würdevolle, strenge und wohlhabende Witwe.

Daneben stehen zwei weitere Frauen, einmal Lisaweta N. Tuschina und Darja Pawlowna, genannt Dascha, die Tochter des verstorbenen Dieners der Stawrogins, die die reiche Frau unter ihre Fittiche genommen hat. Der Student Schatoff ist ihr Bruder.
Beide scheinen Stawrogin auf eine seltsame und noch undurchschaubare Art verfallen zu sein.

Das sind in meinen Augen erst einmal die wichtigsten Personen, die genannt werden müssen.

Die Konflikte, in die Stawrogin gerät, werden vertieft durch seine Liebesverstrickungen. Er steht in seiner Zwielichtigkeit, in dem Ringen um eine geistig und seelisch mögliche Existenz ebenbürtig neben den tragischen Figuren Raskolnikoff, Ippolit und Iwan Karamasoff. Mir scheint, dass er in sich ständig den Kampf gegen den „Dämon“ führt, während dieser aber auch immer wieder gierig durch sein Wesen wütet. Auch ertappt er sich häufig dabei, dass sein Drang, andere Menschen zu verhöhnen und auch zu verletzen, sich selbstständig macht.
Er hat früher, so heißt es in dem Buch, ein „spottsüchtiges“ Leben geführt, André Gide nannte es ein „ironisches Leben“, wobei mir „spottsüchtig“ besser zu passen scheint. Das Leben und der Umgang mit Menschen betrachtet er als ein eigenartiges Spiel, um sich darüber seiner selbst bewusst zu werden.


Dostojewskis Humor, gerade am Anfang des Buches, seine wunderbaren Beschreibungen brachten mich oft zum Lachen. So heißt es über die Literatur von dem lieben Stépan Trofimowitsch:


 


Die Dichtung beginnt mit einem Chor der Frauen, dann folgt ein Chor der Männer, darauf ein Chor irgendwelcher Kräfte, und zum Schluss der Chöre tritt ein Chor von Seelen auf, die noch nicht gelebt haben, aber doch gar zu gern auch mal leben möchten. Alle diese Chöre singen von etwas sehr Unbestimmtem, größtenteils von irgendeinem Fluch, aber sie singen es wie mit einem Schimmer überlegenden Humors.
(…) und es singt irgendetwas, wenn ich mich recht erinnere, sogar ein Mineral, also ein sonst doch schon völlig lebloser Gegenstand. Überhaupt singen alle ununterbrochen, reden sie aber einmal miteinander, so ist es mehr ein unbestimmtes Schimpfen, aber wiederum wie mit einem Schimmer höherer Bedeutung.


 


… oder in der Beschreibung der „höheren Kreise“:



 

Eitel waren sie bis zu Unglaublichkeit, aber sie waren es ganz offen und ungeniert, wie wenn sie damit eine Pflicht erfüllten.




Aber auch sonst spart Dostojewski sicherlich nicht mit psychologisch – philosophischen Hochgenüssen. Zum Beispiel über die Idee:



Sie können es sich gar nicht vorstellen, welch eine Trauer und welch eine Wut einem die ganze Seele ergreifen, wenn die große Idee, die man schon lange heilig hält, von Unwissenden aufgegriffen und zu ebensolchen Unwissenden wie sie selbst und Dummköpfen auf die Straße hinausgezerrt wird, und plötzlich begegnen man ihr schon auf dem Trödelmarkt, nicht wieder zu erkennen, im Schmutz, absurd dargestellt, völlig schief, ohne jedes Wissen um Proportion, ohne Harmonie, als Spielzeug in den Händen dummer Kinder.


 



Für Dostojewski sitzt der „Teufel“ im Kopf, also im Verstand und Denken. Das wird deutlich, wenn er hier bemerkt:



Auch ohne Köpfe würden wir nichts zu gestalten verstehen, obschon gerade unsere Köpfe uns am meisten hinderten, etwas zu verstehen.


 


Dostojewski, der Turgenjew für zu „europäisiert“ hielt und sich mit diesem später verstritten hat, spielt auch ganz gerne auf diesen an, hat dabei die Figur eines Schriftstellers entworfen (Karmasinoff), der mehr durch sein Ansehen, als durch seine Literatur erstrahlt. Über ihn heißt es, und natürlich meint Dostojewski hier Turgenjew:


 


So kommt es denn nicht selten vor, dass ein Schriftsteller, dem man lange eine außergewöhnliche Tiefe der Ideen zugeschrieben und von dem man einen außergewöhnlichen und ernsten Einfluss auf die geistige Ausrichtung der Gesellschaft erwartet hat, zu guter Letzt eine solche Fadheit und Winzigkeit seines Grundideechens aufdeckt, dass es niemand auch nur bedauert, ihn so schnell erschöpft zu sehen. Aber die silberhaarigen alten Herrlein begreifen das nicht und ärgern sich. Ihre Eitelkeit nimmt, namentlich gegen Ende ihrer Laufbahn, mitunter Ausmaße an, die wirklich zu bewundern sind. Gott weiß, wofür sie sich dann zu halten anfangen, - mindestens für Götter.


 



Turgenjew war danach so erbost, dass er behauptete:



Dostojewski hat sich etwas Schlimmeres erlaubt als eine Parodie: Er hat mich unter dem Namen Karmasinow so dargestellt, als würde ich insgeheim mit der Partei Netschajews sympathisieren.


 



Das allerdings ist weit hergeholt, wo Karmasinow immer getrennt vom eigentlichen Spektakel auftritt und gezielt in seinem Hochmut und seiner "Gnade, überhaupt aus seinen Schriften zu lesen" dargestellt wird.

Der Student Schatoff zeichnet sich durch ein paar kleine Weisheiten am Rande aus: "Willst du die Welt besiegen, besiege dich selbst." oder:



Es gibt Menschen, bei denen sich saubere Wäsche geradezu unanständig ausnimmt …




… während Kirilloff sagt:

 


Die Menschen sind nicht gut, (…) weil sie nicht wissen, dass sie gut sind.


 


Ein wirklich wunderbarer Auszug ist Schatoffs Rede auf den Glauben des Volkes, von dem er sagt, dass Stawrogin ihn gepredigt hatte, als sie in Amerika „nebeneinander auf dem Boden lagen“, dessen Aussagen über Gott und den Glauben ihn so beeindruckt haben, dass er sich durch sie in einen anderen Menschen gewandelt hat. Stawrogin – natürlich – erklärt, dass er sich nicht mehr an seine eigenen Worte erinnern könnte. In der kleinen Rede heißt es unter anderem:



Je stärker ein Volk ist, um so eigenartiger ist sein Gott.
Es hat noch nie ein Volk ohne Religion gegeben, das heißt, ohne Vorstellung von Gut und Böse. Jedes Volk hat seine eigene Vorstellung von Gut und Böse und sein eigenes Gutes und Böses. Wenn bei vielen Völkern die Begriffe von Gut und Böse gemeingültig zu werden beginnen, dann beginnt das Aussterben der Völker, und der Unterschied selbst zwischen Gut und Böse beginnt sich zu verwischen und schwindet hin. Noch nie ist die Vernunft fähig gewesen, Gut und Böse zu erklären oder auch nur das böse vom Guten abzugrenzen, sei es auch nur annähernd; im Gegenteil, immer hat sie Gut und Böse schmählich und kläglich – je nach Bedarf – miteinander verwechselt.


 



Obwohl Tolstoi und Dostojewski beide leidenschaftlich den „wahren“ Glauben an Gott verteidigen, so glaubt Tolstoi an den „guten Kern“, während Dostojewski der Vernunft das Unterscheiden nicht zutraut. Wenn diese Vernunft jedoch der Verstand ist, für Dostojewski das „Böse“ oder „Alles Verschlechternde“, dann nähern sich Tolstoi und Dostojewski wieder einander, denn dann ist die Intuition des Kerns auch bei Dostojewski zu finden, wobei er diese nur nicht ins Wort fasst, wie es Tolstoi gerne tat. Das nur am Rande, und weiter heißt es:

 

Die Wissenschaft aber hat immer nur Antworten von einer Plumpheit wie Faustschläge gegeben.


 


Wenn ein großes Volk nicht glaubt, dass in ihm allein die Wahrheit ist, (gerade in ihm allein und unbedingt die einzige Wahrheit), wenn es nicht glaubt, dass es ganz allein fähig und berufen sei, alle anderen mit seiner Wahrheit auferstehen zu lassen zu erlösen, dann verwandelt es sich sogleich in ethnographisches Material und hört auf, ein großes Volk zu sein.


 


So wird mir hier viel klarer, wie dieser Glaube, den ich in diesem "Gleichdenken" nie so ganz erfassen konnte, die Menschen in ihrer Gesamtheit doch prägt. Dostojewski hat mir hier viele Anhaltspunkte gegeben, durch die ich diesen Glauben nun viel besser nachvollziehen kann.
 



2.


Nach knapp 600 Seiten muss ich sagen, dass Stawrogin sein Geheimnis noch wahrt. Bis jetzt erscheint er nur düster, ernst und "rebellierend", nicht tatsächlich böse, vielleicht etwas kühl, doch nicht kaltherzig. Er hat "die Hinkende", wie die geistig zurückgebliebene Frau genannt wird, wie bereits schon gesagt, geheiratet, die sich vor ihm einerseits fürchtet, weil sie einen anderen Menschen für sich erhofft, das Trugbild eines Fürsten, eine phantastische, eher literarische Gestalt, in die sich Stawrogin für sie niemals verwandeln kann, und die ihn andererseits auch nicht fürchtet (wohl von Dostojewski das Zerrissene ihres geistigen Zustands schön ins Bild gefasst).
Aber trotzden er hat sie "genommen", obwohl sie einer anderen Schicht angehört, zahlt für sie und ihren versoffenen Bruder den Unterhalt.

Es ist das Stawrogin'sche Spiel dahinter (die Lust zu schockieren, sich selbst anzuwidern, denn ihr Anblick erfreut ihn nicht gerade, auch sich selbst zu bestrafen), aber er quält sie nicht oder schlägt sie, wie es ihr Bruder tut.
Sie ist ihm als Mensch wohl gleichgültig, aber nicht in seiner übernommenen Verantwortung ihr gegenüber, eben weil er sie geheiratet hat. Auch sein Verhalten spricht noch nicht für das Teuflische, das sich wohl noch zeigen wird.

Er machte sich am Anfang über die aristokratische Gesellschaft lustig, wo er zum Beispiel einen Rittmeister, der stets in der Runde die Phrase verkündet:
"Nein, nein, ich lasse mich nicht an der Nase herumführen!"
... an der Nase packt und ihn dann tatsächlich herumgeführt, was mir aber nur zeigt, dass er dem Aristokraten hier sein sinnloses Gerede (seine Neigung zum Wichtigtun und zum Geschwätz - man fühlt sich unmittelbar an La Bruyères Charaktere erinnert, an den polternden und lauten Theodect) vor Augen führt, oder er beißt dem gutmütigen, aber seine Aufmerksamkeit erhaschenden, ihm trotzdem misstrauenden Gouverneur ins Ohr, wo dieser doch glaubt, er werde ihm gleich etwas Geheimnisvolles mitteilen. Hier verdeutlicht sich einfach sein Spott über diese Kreise, die sich ohne ihre Klatschsucht zu Tode langweilen würden.
Auch verteidigt oder schützt er oft Leute, wie zum Beispiel Schatoff, der ermordet werden soll, um den "Geheimbund" durch diesen Mord zusammenzuhalten.

Der eigentlich Teuflische ist in meinen Augen Pjotr Werchowenskij. Er benutzt Menschen, spielt mit ihnen und auch, wenn es Stawrogin ist, der im Scherz verkündet, wie sich dessen "Komplott" allmählich verwirklichen ließe, so übernimmt Pjotr den Vorschlag und macht Ernst daraus (eben den Mord am Studenten Schatoff). Es ist hierbei auch nicht klar, ob Stawrogin den Scherz einfach nur aus einem anderen Gespräch mit Pjotr aufgreift, da er später erstaunt (entsetzt) ist, dass Pjotr seinen Plan tatsächlich in die Tat umsetzen will. Stawrogins augenblickliche Schuld liegt höchstens in seinem Wissen um die Dinge und seiner Gleichgültigkeit über diese Dinge.

Aber auch Kirilloff und Schatoff selbst wissen bescheid. Kirilloff, der sich umbringen will, hat zum Beispiel nichts dagegen, dass er vor seinem Tod einen Brief schreiben soll, in dem er alle Schuld des von Pjotr verursachten Umsturzes auf sich nimmt. Da er dann tot ist, interessiert es ihn nicht, und Pjotr schafft sich hier ein schönes Alibi.
Auch ist dieser so widerlich im Verhalten, hinterhältig, falsch und stiftet absichtlich Verwirrung, um die Menschen für sich brauchbar zu machen und, wann es ihm passt, ins falsche Licht zu rücken. Mit seinem Vater springt er herzlos und achtlos um.

Stawrogin wirkt auf mich, als wäre er von allem Treiben der Menschen einfach angeekelt. Trotzdem geht er zu Schatoff und klärt ihn auf, dass er getötet werden soll, oder wehrt sich gegen die Einnahme Pjotr, der all zu gerne Stawrogin bei seinem teuflischen Plan an der Seite hätte. In ihm wuchert jenes Geheimnis seines einst geführten "spottsüchtigen" Lebens, das für ihn selbst grausame Verbrechen, an dem er selbst zerbrochen, nur noch der Schatten seiner selbst ist.

Auch geht es um einen Umsturz, dass die alten Gewohnheiten und Regeln umgeschmissen und durch eine neue, gottlose "Ehrlosigkeit" ersetzt werden. Pjotr Werchowenskij redet den Menschen ein, dass bereits ein riesiges Netz an Rebellen existiert, dass er und die Leute, auf die er den Anschein lenkt, nur Boten sind.
Dabei besteht alle "Rebellion" nur aus wenigen Leuten. Aber da die Menschen gerade hier, in dieser Provinzstadt, gerne Klatsch und Tratsch austauschen, so ist es leicht, sie davon zu überzeugen, dass etwas im Gange ist.
Mit den Unzufriedenen lässt sich immer und leicht ein Spiel treiben, weil sie nur die Veränderung wollen und meistens nicht fragen, wohin all das führt. Bei einer der Sitzung des Geheimdienstes zum Beispiel sind nur vier Mitglieder anwesend, das heißt, Eingeweihte, alle anderen glauben nur, dass sie Teil von etwas Großem sind. Sie



... bespitzeln sich mittlerweile um die Wette und teilen mir alles mit. Wirklich viel versprechendes Volk...


 


... sagt Pjotr.

Er fasst auch gut zusammen, wie sich sein „Geheimbund“ nur durch Worte und mit der Sentimentalität der Menschen aufrechterhalten lässt oder überhaupt aufersteht.

  



(…) die Hauptkraft - der Zement, der alles zusammenhält -, das ist die Scheu, eine eigene Meinung zu haben.


 


Und die scheinbare Sitzung wird dann zur Farce.


In einem herrlichen Chaos wird hier aufgezeigt, wie die Menschen sich gegenseitig verwirren, während die, die doch eigentlich als Führer auserkoren wurden, schweigend und gelangweilt dabeisitzen und ganz bewusst ihr Desinteresse bekunden. Diese ganze Sinnlosigkeit des Streitgesprächs, hinter dem kein Zweck liegt, außer der innige Wunsch, einer geheimen Organisation anzugehören, die scheinbar den ganzen russischen Staat in eine "neue Erkenntnis" wandeln soll, wächst zu einem gegenseitiges Angriff heran. Der Umsturz bleibt dabei so gewollt, weil er die Dinge ändern "muss", ohne zu wissen, wie sie zu ändern sind oder in welche Veränderung sie führen.

Wie sich Pjotr Werchowenskij nach der entfachten Aufruhr eine neue Gesellschaft vorstellt, zeigt er an dem sich am Ende selbst widersprechenden Manuskript eines befreundeten Schreibenden auf:



In seinem Manuskript ist es wunderbar, (...)dass er die Spionage einbezieht. Bei ihm beaufsichtigt jedes Mitglied der Gesellschaft jedes andere und ist zur Anzeige verpflichtet. Jeder gehört allen und alle jedem. Alle sind Sklaven und in der Sklaverei einander gleich. In extremen Fällen wird mit falschen Aussagen und Mord vorgegangen, aber die Hauptsache ist die Gleichheit. Die erste Folge davon wird sein, dass das Niveau der Bildung, der Wissenschaften und der Talente sinkt. Ein hohes Niveau der Wissenschaften und Talente ist nur höher Begabten zugänglich, aber höher Begabte brauchen wir nicht! Höher Begabte haben immer die Macht an sich gerissen und sind Despoten gewesen. Höher Begabte können gar nicht umhin, Despoten zu sein, und stets haben sie mehr demoralisiert als Nutzen gebracht; man verjagt sie deshalb oder richtet sie hin. Cicero wird die Zunge ausgeschnitten, Kopernikus werden die Augen ausgestochen, Shakespeare wird gesteinigt (...) Sklaven müssen gleich sein: ohne Despotismus hat es noch nie weder Freiheit noch Gleichheit gegeben, in einer Herde aber muss Gleichheit herrschen (...)


 



Die eigentliche "Macht" von Pjotr Werchowenskij liegt darin, dass er wagt, den "ersten Schritt" zu gehen, und in Stawrogin, um dessen Beteiligung er fleht und bettelt, sieht er den Aristokraten, dem es nichts ausmacht ein Leben zu opfern, sei es sein eigenes, sei es ein fremdes Leben. Der geborene Anführer.
Stawrogin hat in der Vergangenheit in Duellen zwei Leute erschossen, doch in der Gegenwart hat er einen Aufmüpfigen sogar verschont, damit natürlich noch mehr gekränkt, indem er in die Luft geschossen hat.
In ihm herrscht dieser Kampf zwischen Gut und Böse, dass das Gute nicht ohne das Böse existiert, wie auch umgekehrt; diese Waage, auf der das Gute immer mit etwas Bösem ausgeglichen werden muss, um im Gleichgewicht zu bleiben. Wie André Gide sagt:

 


Da ringt Gott mit dem Teufel; und der Kampfplatz ist das Herz des Menschen.

 

 


Oder wie Baudelaire es formulierte:



In jedem Menschen sind zwei gleichzeitige Bestrebungen: die eine ist auf Gott, die andere auf den Teufel gerichtet.

 


Aber am besten sagte es Blake:

Ohne Gegensätze gibt es keinen Fortschritt: Anziehung und Abstoßung, Vernunft und Energie, Liebe und Hass sind für das menschliche Leben gleich notwendig.

... und weiter:

Es gibt und wird auf der Erde immer jene beiden entgegengesetzten Bestrebungen geben, die sich immer feindlich sein werden. Wollte man versuchen, sie miteinander auszusöhnen, so hieße das gleichzeitig, das Dasein zu zerstören.


Das ist es, was die Gestalt Stawrogin ausmacht.
Der Wahnsinnige ist aber eindeutig Pjotr Werchowenskij! Wenn er zum Beispiel schreit:



... Aber eine oder zwei Generationen mit Sittenverderbnis sind vorerst unbedingt erforderlich, - mit unerhörter, niederträchtiger Sittenverderbnis, in der sich der Mensch in nichts als einen widerlichen, feigen, grausamen, selbstsüchtigen Abschaum verwandelt - gerade das ist es, was nötig ist! Und dann noch etwas 'frisch vergossenes Blut', damit er sich daran gewöhnt.


 


Bei Tichon verkündet Stawrogin nun , dass er sich selbst in manchen Nächten als Teufel sieht, dass ihm verschiedene Gestalten in der Nacht erscheinen, die er selbst und doch nicht er selbst sind. Darum schläft er so wenig oder unbequem auf einem Stuhl.
Er fragt Tichon, ob man an den Teufel glauben kann, wenn man nicht an Gott glaubt. Der Teufel kann hier allerdings auch für das schlechte Gewissen stehen. Das Schuldgefühl quält ihn und erscheint ihm als das teuflische Selbst, vor dem er sich fürchtet.
Danach überreicht er ihm „das Geständnis“.
Nun fügt sich alles zusammen, die Verwirrungen der verschiedenen Frauen, das, was Stawrogin Matrjoscha angetan hat.
Stawrogin sagt von sich selbst, dass er sich leer fühlte, dass alles gut war, um ihn lebendig zu halten, dass die Lust ständig in ihm entfacht werden musste, die Lust an der Grausamkeit. Er spürte es in Schlägereien, er spürte es beim Diebstahl, er beschuldigte das Mädchen Matrjoscha, ihn bestohlen zu haben, weil er wusste, dass ihre Mutter sie dann dafür halb tot prügeln würde und genoß das Ganze beim heimlichen Lauschen. Er rieb sich die Hände an der Unruhe, die er gestiftet hatte, konnte sie nur dann genießen, wenn sie sich lohnenswert gestaltete und irgendjemand darunter litt.
Danach wird umrissen, dass er sie gegen ihren Willen zu Küssen gezwungen und ihr unanständige Dinge zuflüstert hat, durch die sie, weil sie noch ein zwölfjähriges Kind war, verwirrt und völlig verstört hervorging. Die eigentliche Vergewaltigung, jene Szene, die so viel Empörung auslöste und auch Dostojewski selbst quälte, kommt kaum zur Sprache, wird nur angedeutet.
Aus der Sicht eines kleinen Mädchens sind solche Annäherungen sehr bedenklich. Stawrogin sagt es selbst ganz richtig:




Ich glaube, dass ihr der ganze Vorgang durchaus als grenzenlose Unanständigkeit erscheinen musste, dass sie eine tödliche Angst auszustehen hatte. Trotz aller Schimpfworte und Gespräche, die sie seit frühester Kindheit anhören musste, bin ich fest überzeugt, dass sie noch gar nichts begriff. Sicherlich glaubte sie schließlich, dass sie ein unglaubliches, todwürdiges Verbrechen begangen hätte, dass sie „Gott getötet“ habe.


 



Das Kind erklärte sich alles über die eigene Schuld. Die Mutter prügelte das Mädchen, das Mädchen hielt sich für schuldig. Stawrogin küsste sie und flüsterte ihr unanständige, böse Worte ins Ohr, das Kind verstand nicht, was er ihr sagen wollte, wusste jedoch, dass es nicht richtig sein konnte.
Dass Dostojewski hier anführt, dass das Kind Schimpfworte gewohnt ist, könnte verdeutlichen, dass Stawrogin dieses nur mit Worten verletzt, nicht im eigentlichen Sinne missbraucht hat. So oder so aber ist das eigentliche Verbrechen die Tatenlosigkeit danach.

Hierzu muss auch gesagt werden, dass der Erzähler zuvor verkündet, dass der ganze Bericht auch verzerrt dargestellt sein kann und die Wahrheit womöglich in der Mitte liegt. Wenn man sich vor Augen führt, dass Stawrogin sein Spiel spielt, kann selbst das Geständnis ein Spiel der Selbstqual sein. Auch behauptet er hinterher, dass er übertrieben hat, gelogen, aber auch das kann sich nur auf seine Reue beziehen.

Stawrogin lernt dadurch die Angst kennen, eine Angst, die alle Wut und Hassgefühle übersteigt und damit hinter sich lässt.
Was natürlich schrecklich in dieser Beichte zu lesen ist, ist dass er weiß, dass das Mädchen sich umbringt und nicht eingreift, sondern abwartet, bis alles vorbei ist. Er genießt vielleicht nicht mehr, aber er handelt nicht, sondern wartet darauf, dass sie den Ausgang des von ihm vorgegebenen Spiels auch in aller Konsequenz ausführt. Er hat sie nicht nur in den Tod getrieben, sondern sich ein zweites Mal daran gelabt, dass sie handelte, wie er es voraussah. Als sie sich erhängte, saß er im Nebenzimmer und hätte jederzeit noch einschreiten können. Stattdessen spürte er die Aufregung des "Erfolgs".

Als ihm bewusst wurde, was er hier getan hatte, dass er mehrere Grenzen überschritten hatte, war sein erster Gedanke Selbstmord, doch dann passierte ihm etwas „Besseres“. Er heiratete die „Hinkende“, um sich selbst zu bestrafen. Er fühlte, dass er leben bleiben musste, um die ganze Sühne auszukosten. Bei ihm hat man immer das Gefühl, er würde dieses Leid, durch das er zum Schatten seiner selbst wurde, innerlich abstarb, als einziges Gefühl des Lebendigseins akzeptieren.

Und als ihn nun die Halluzination des kleinen Mädchens immer wieder erscheint, wie sie ihm mit der kleinen Faust droht und den Kopf schüttelt, sagt Stawrogin:
 




Warum weckt nicht eine einzige andere Erinnerung ähnliches in mir, und es gab doch in meinem Leben Dinge, die von den Menschen vielleicht noch viel härter verurteilt werden würden?




Danach redet er noch davon, dass kein Mensch ihn für dieses Verbrechen belangen kann, denn seine eigentliche Schuld besteht darin, dass er das kleine Mädchen verstört und hinterher nicht eingegriffen hat, als sie sich tötet.

Tichon erklärt Stawrogin, der die Beichte öffentlich bekanntmachen will, dass er den Spott der Menschen nicht ertragen würde, dass die allgemeine Empörung, auf die er hofft, nur geheuchelt sein würde.


 


Die Leute fürchten nur das, was ihre persönlichen Interessen bedroht.


 


Nun ist das Geheimnis der Figur Stawrogin gelüftet. Er ist auf jeden Fall egoistisch, möchte seine Beichte bekanntgeben, um sich selbst zu erlösen, nicht, weil er richtige Schuldgefühle empfindet. Er ist kein Mensch mehr, der Schuld empfinden könnte, er lebt als reines Konstrukt seiner selbst. Die Schuldgefühle kehren nur in  Halluzinationen in Form des Teufels oder des Mädchens zurück, und er genießt das Quälende daran. Oh ja, es ist ein Ringen zwischen Gut und Böse.

Was mich nun wieder wundert, ist, dass das Kapitel, welches Dostojewski ja - nach André Gide - eigenhändig aus dem Roman nehmen wollte, trotzdem im Buch ist. So geht die Nachwelt also über den Wunsch des Schriftstellers hinweg.
Andererseits hätte Dostojewski dann das Kapitel auch vernichten müssen.





3.


Nach dem Lesen der "Dämonen" bleibe ich fast schon ein bisschen wütend auf Dostojewski zurück, der hier den Ausgang der Dinge so "eiskalt" gestaltet hat.

Es ist ein wunderbares Buch und Stawrogin ist eine großartige Figur, die beste und undurchschaubarste - nicht die teuflischste -, die Dostojewski entworfen hat.
Er gerät zum zentralen großen Sünder, der jedoch, in meinen Augen, fast schon neben den anderen Figuren agiert, wie ein eigenständiger Teil im Ganzen, der ab und zu nur die Räume kreuzt und doch trotzdem nur für sich selbst existiert.

Der „leibhaftige Bösewicht und Verführer, der da heißt Atheist“ – die bösartigste Figur Dostojewskis ist Pjotr Stepanowitsch Werchowenskij, ein widerlicher Fanatiker und scheinheiliger, kaltherziger Mensch, dessen grausames Innere Dostojewski nicht nur in seiner Gleichgültigkeit den Menschen gegenüber darstellt, sondern besonders schön in seiner Gefräßigkeit. So sitzt er zum Beispiel in einem Gasthaus, unter anderem direkt nach einem Mord, und isst mit widerlichem Appetit, während ein anderer ihn dann mit Ekel dabei zusieht. Ein gelungenes Bild.
Stawrogin hat eine schlimme Vergangenheit, ist aber nur Mysterium, ein Mensch, der seine Suche nach Gott und Teufel für sich alleine aussteht. Der bösartige Zauber, der um ihn herrscht, ist mehr Gerücht. Sein Wesen ist wirklich faszinierend, und die Schuld, die er auf sich nimmt, ist eine andere, für den Menschen nur schwer nachvollziehbare Bürde. Dass ihm im Wort (im Geständnis wie auch im Brief) eine scheinbare Banalität nahe gelegt wird, die ihn als Figur entstellen soll, kommt für mich nicht glaubhaft genug herüber (weil dessen Schreiben wenig Banalität enthält, sondern vielmehr schon im Voraus immer ganz explizit darauf hingewiesen wird). Es zeigt sich doch, dass das Wesen Stawrogin in seiner Düsternis, in seinem eigenen "Vor-sich-hin-Kümmern" das Denken dem Sprechen vorzieht, obwohl in der Handlung sein ganzes Wesen in Erhabenheit, in einer Form von "über den Dingen stehend" gezeichnet wird. Es wirkt auch, als ob Dostojewski hier seine eigene Faszination für seine Figur ein bisschen dämpfen will, weil ihm das Spiel zwischen Gut und Böse vielleicht selbst verwirrt.

Weitere dostojewski'sche Gestalten, die ich sehr ins Herz geschlossen habe, sind Stepan Trofimowitsch (In ihm ist der Ästhet verkörpert, der das wirkliche Elend nicht kennt und nie kennengelernt hat, der mit sich selbst und seiner Umwelt ringt, weil er nichts anderes zu tun hat, und auch, durch seine Selbstbezogenheit Mitverantwortung an der Entwicklung seines Sohnes Pjotr trägt.)
Gut ins Wesen gefasst hier in seiner letzten und provokanten Rede:



"Ich aber erkläre (…), dass Shakespeare und Raffael höher stehen als die Bauernbefreiung, höher als die Nationalität, höher als der Sozialismus, höher als die junge Generation, höher als die Chemie, höher fast als die ganze Menschheit, denn sie sind schon die Frucht, die greifbar wirkliche Frucht der ganzen Menschheit und vielleicht die höchste Frucht, die es überhaupt geben kann!
(…) Ihr kurzen Menschlein, woran fehlt es euch denn, dass ihr das nicht verstehen könnt? Wisst ihr denn nicht, wisst ihr denn nicht, dass ohne den Engländer die Menschheit noch leben könnte, auch ohne Deutschland, ohne den russischen Menschen schon ohne weiteres, auch ohne die Wissenschaft, auch ohne Brot, nur ohne Schönheit, nur ohne Schönheit könnte sie nicht leben, denn da gäbe es überhaupt nichts mehr zu tun auf der Welt."



...desgleichen Schatoff und Kirilloff, der sagt:

 



Es gibt Sekunden, es sind im ganzen nur fünf oder sechs auf einmal, und plötzlich fühlt man die Gegenwart der ewigen Harmonie, der vollkommen erreichten. Das ist nicht irdisch; ich rede nicht davon, ob es himmlisch ist, sondern ich will nur sagen, dass ein Mensch in irdischer Gestalt das nicht aushalten kann. Man muss sich physisch verändern oder sterben. Dieses Gefühl ist klar und unbestreitbar. Als ob man plötzlich die ganze Natur empfände, und plötzlich sagt man: ja, es ist richtig.
(…) Man hat auch nichts zu verzeihen, da es schon nichts mehr gibt, was zu verzeihen wäre. Man kann auch nicht sagen, man liebe, oh, - das ist etwas Höheres als Liebe! Das Furchtbarste ist, dass es so schrecklich klar ist und eine solche Freude. Wenn das länger als fünf Sekunden dauerte … würde die Seele es nicht aushalten und müsste vergehen.


 



Kirilloffs Absicht, sich umzubringen und dadurch ein Gott zu werden, ist hier verständlich von ihm ins Schopenhauer’sche Wort gefasst:

 



Wenn es Gott nicht gibt, so bin ich Gott.
(…) Wenn es Gott gibt, so ist aller Wille sein, und ohne seinen Willen kann ich dann nichts tun. Wenn es ihn aber nicht gibt, so ist aller Wille mein, und ich bin verpflichtet, eigenmächtigen Willen zu beweisen.
(…) Wird denn wirklich kein einziger auf dem ganzen Planeten es wagen, sobald er mit Gott ein Ende gemacht und an seinen Eigenwillen zu glauben angefangen hat, - es wagen, diesen seinen Eigenwillen zu beweisen, seine Eigenmächtigkeit gerade im umfassendsten Punkt zu dokumentieren? Das ist so, wie wenn ein armer Mensch, dem eine Erbschaft zugefallen ist, erschrickt und nicht wagt, zum Geldsack zu gehen, weil er sich für nicht stark genug hält, zu besitzen. Ich will meinen eigenmächtigen Willen bezeugen.
(…) Ich bin verpflichtet, mich zu erschießen, weil der wichtigste, erschöpfendste Punkt meines Eigenwillens ist, mich selbst zu töten.


 



Und als der Erste, der seinen eigenen Willen bekundet, weil Alles nicht glaubt und sich doch davor fürchtet, selbstständig zu denken, also Gott zu sein, verkündet er:

 




Ich bin erst noch unfreiwillig Gott und bin unglücklich, denn ich bin verpflichtet, autonomen Willen zu bezeugen. Alle sind unglücklich, denn alle fürchten sich, die Eigenmacht ihres Willens zu bekunden. Eben deshalb ist der Mensch bisher so unglücklich und arm gewesen, weil er sich gefürchtet hat, seinen Willen von eigenen Gnaden im Hauptpunkt in Anspruch zu nehmen und durchzusetzen, weil er nur so drumherum um die Hauptsache, nur so am Rande Eigenwilligkeiten beging, wie ein unartiger Schuljunge seine Streiche verübt. (…) Die Angst ist der Fluch des Menschen.


 




Kirilloff ist derjenige, der Gott durch den Menschen ersetzt, der erkennt, "dass es die Verneinung Gottes ist, die unausweichlich die Bejahung des Menschen nach sich zieht."
Wunderbar zu lesen war die kurz aufflammende Liebe zwischen Lisaweta und einem ihrer Bewunderer Mawrikij Drosdoff, ein inniges Einander-Erblicken für Minuten im Regen auf einem verlassenen Feld. Und auch Darja und Warwara Petrowna Stawrogina sind nun Romanfiguren, die sich durch ihr Wesen ins Leserherz (im Sinne der letzten Seiten) gebrannt haben. Und schließlich nimmt auch Fedjka eine besondere Rolle ein, weil er (neben Stawrogin, der sich aber allgemein über die Ausartung der Verschwörung wundert) als Einziger Pjotr Stepanowitsch Parole geboten hat, und zwar mit Worten, nicht mit einem einfachen Schulterzucken.

Dieses Ausarten einer Verschwörung, dieses Lenken von einfältigen Menschen ist im Dostojewski-Werk sicherlich maßgebend durch seine eigenen Erfahrungen, eine dieser „verfluchten Fragen“, die er sich in seinen Zeilen und zwischen seinen Geschichten stellte.
Pjotr Werchowenski erhebt sich in seiner Kaltblütigkeit selbst über Raskolnikow in den Anfängen von „Schuld und Sühne“, und Camus in seinem Essay „Der Mensch in der Revolte“ wie auch Karl Marx und Friedrich Engels in ihrer Schrift „Ein Komplott gegen die Internationale Arbeiter-Assoziation“ haben über den russischen Verschwörer Netschajew geschrieben, der als Prototyp von Pjotr Werchowenski diente.
Dostojewski selbst nannte es ein Pamphlet gegen die revolutionäre russische Bewegung, und Grundgedanke bleibt diese Sinnlosigkeit für eine Idee gegen die eigene Vernunft zu handeln, um erst einmal ordentlich zu verwirren und zu zerstören, was immer auf Kosten von Menschen geht und aus diesem Blick keine Revolution oder neue Bewegung rechtfertigt. Camus fasst es in "Der Pest" zusammen: "Der Mensch ist keine Idee."

Wie auch in dem Roman „Die Brüder Karamasow“ hat Dostojewski „Die Dämonen“ in einem kleinen Provinznest angesiedelt.



Eine solche Verengung des Raumes ermöglichte es dem Autor, seine Figuren von der „großen“ intellektuellen Bewegung der beiden russischen Hauptstädte zu isolieren, die „unsauberen Geister“ zusammenzuhalten (…), auf seiner kleinen „Bühne“ die intime Welt zerrütteter Familienverhältnisse vorzuführen und diesen chaotischen russischen Mikrokosmos in Vielfalt seiner Laster zu gestalten.



… heißt es im Nachwort. Ich glaube auch, dass dieses enge Zusammen der Menschen mit ihren Tratschgeschichten einen leichteren Boden bot, um einen einzigen Verschwörer in seiner Macht auftreten zu lassen, denn hier sind die Marionetten, die sich lenken lassen, viel hölzerner.

Ganz knapp nach „Die Brüder Karamasow“ steht nun bei mir dieser Roman in der Liste der beliebtesten Romane Dostojewskis. Jetzt mache ich mich an den „vollendet wundervollen Menschen“ Fürst Myschkin.



(Alle Zitate sind der Gesamtausgabe "Dostojewski" von Zweitausendeins entnommen. Die Übersetzung stammt von der wunderbaren E. K. Rahsin.)