Der Idiot


Teil 1



Tja, wie könnte man ihn nicht sofort lieb gewinnen, diesen wunderbar wertvollen Menschen Fürst Myschkin, der es mit seinem Wesen sofort versteht, die Menschen für sich einzunehmen, ohne dass er es darauf anlegt. Auch erahnte ich in ihm bereits einen Menschen, der wahrhaftig frei und an nichts gebunden ist:

 

Oh, meine Zeit erlaubt es mir sehr leicht, sie gehört nur  mir allein!


Er spricht einfach, und doch leuchtet durch jedes Wort der Bescheidenheit ein Kern an Weisheit hindurch:

 

 

(…) es scheint nur zu oft, dass es keine Berührungspunkte gibt, und doch sind sogar sehr zahlreiche vorhanden. Das kommt nur von der Trägheit der Menschen, weil sie sich nur so nach dem äußeren Schein zusammenfinden, deshalb können sie auch nichts Gemeinsames finden …

 


„Der Idiot“ als Titel soll nicht etwa Fürst Myschkin in seiner Beschränktheit beleuchten, sondern die Krankheit darstellen, mit der er zu kämpfen hat. Er hat die Fallsucht (Epilepsie), ein Gebrechen, an dem Dostojewski bekanntlich selbst litt. Biografien über Dostojewski vermitteln, dass seine Epilepsie in der Verbannung in Sibirien das erste Mal auftrat. Womöglich wurde sie durch den Schockzustand ausgelöst, den Dostojewski zusammen mit den anderen Verurteilten durchlebte, als er wusste, gleich würde an ihm das Todesurteil vollstreckt werden, ein wirklich absurdes Spiel, das der Zar hier mit den Verurteilten trieb, um sie dann zu begnadigen. In zweifacher Hinsicht musste Dostojewski sich mit dem Tod auseinandersetzen. Einmal musste er sich mit ihm abfinden (das Leben hinter sich lassen, was er geistig wohl getan hatte) und zum anderen musste er sich erneut damit auseinandersetzen, dass er noch einmal von vorne anfangen würde, jedoch als Verbannter und mit dem Verlust mehrere Jahre, die er durch die Gefangenschaft einbüßte. Eine wahre Zerreißprobe für den Verstand.


Myschkin, der in Frankreich einer Enthauptung beigewohnt hat, sagt:

 

 

Was muss mit der Seele in diesem Augenblick geschehen, bis zu welchen Krämpfen wird sie gemartert? Eine Beschimpfung der Seele ist es, weiter nichts! Es heißt: „Du sollst nicht töten“ – und nun soll man dafür, dass er getötet hat, wiederum ihn töten? Nein, das darf man nicht.

 


Und im weiteren Gedanken, ob die Guillotine durch das rasche Ende eine bessere Tötungsmöglichkeit ist, sagt Myschkin:

 

… nehmen Sie zum Beispiel die Folter: da gibt es Schmerzen und Wunden und körperliche Qual, die aber lenkt einen doch von den seelischen Qualen ab, so dass einen bis zum Augenblick des Tods nur die Wunden quälen. Den größten, den quälendsten Schmerz aber verursachen vielleicht doch nicht die Wunden, sondern das Bewusstsein, dass, wie man genau weiß, in einer Stunde, dann in nur zehn Minuten, dann in einer halben Minute, sogleich, noch in diesem Augenblick – die Seele den Körper verlassen wird, und dass du dann kein Mensch mehr sein wirst, und dass das doch unfehlbar geschehen wird. Das Entsetzlichste ist ja gerade dieses ‚Unfehlbar’. Gerade wenn man den Kopf unter das Messer beugt und dann hört, wie es von oben klirrend herabglitscht – gerade diese Viertelsekunden müssen die furchtbarsten sein!

 


Er sagt ganz richtig, dass das Todesurteil schlimmer zu verkraften ist, als ein Raubmord, bei dem die Hoffnung bis zum Ende noch erhalten bleibt, während das Unausweichliche eines Urteils dem Menschen jede Hoffnung nimmt und somit eine schlimmere Qual verursacht.
… eine größere Qual kann es in der Welt gar nicht geben.


Hier verarbeitet Dostojewski sein eigenes Todesurteil, das erst kurz vor der Vollziehung aufgehoben und durch die Verbannung nach Sibirien ersetzt wurde. Hier klingt es als tiefe Überzeugung aus seiner Seele:

"Wer hat es denn gesagt, dass die menschliche Natur fähig sei, diesen Tod ohne die geringste Geistesverwirrung zu ertragen?

(…) Nein, so etwas darf man einem Menschen nicht antun!"


 
Durch die Einsamkeit geprägt, wird Myschkin sich bewusst darüber, wie man sich über die Vorstellung vom Horizont von der Angst und der inneren Unruhe befreit:


"Da scheint es einem dann, dass man irgendwohin gerufen wird, und ich dachte oft, wenn man immer geradeaus und lange, lange ginge, bis dorthin zu jenem Strich, wo sich Himmel und Erde vereinen – dass dort des Rätsels Lösung sei und man dort sogleich ein neues Leben sehen würde, ein tausendmal stärkeres und geräuschvolleres als bei uns.
(…) Und dann schien mir wiederum, dass man auch im Gefängnis ein unermesslich großes Leben finden kann."


Dann berichtet Dostojewski in der Stimme Myschkins von seinen Gedanken vor der Vollstreckung des Todesurteils, dass er seine Zeit klar in fünf Minuten eingeteilt hätte, zwei Minuten für den Abschied von seinen Freunden, zwei Minuten um still für sich zu denken

 

 

… soeben lebt er noch, er ist, nach drei Minuten aber ist er nicht, nach drei Minuten wird er schon ein Irgend-etwas sein – aber was denn?

 

... und die letzte Minute für die Vorstellung, wie sehr er das Leben nutzen würde, dass er, würde er jetzt weiterleben, keinen Moment mehr verschwenden wollte.
Ein wenig später dann gesteht er sich selbst ein - ich glaube nämlich, hier hat Dostojewski sich sehr stark mit dem eigenen Leben auseinandergesetzt -, dass er dann natürlich trotzdem viele Augenblicke ungenutzt vergeudet hätte, und bekennt auch, dass es auch nicht möglich wäre, jeden Augenblick mit Sinn und Nützlichem zu behaften.

Auch gut nachvollziehbar ist, dass Dostojewski der Henkersmahlzeit jegliche Nächstenliebe abspricht, weil man sich als Verurteilter kaum dem Genuss eines guten Essens widmen kann.

Für mich war sehr interessant zu lesen, wie Dostojewski es versteht, die Gefühle des zum Tode Verurteilten darzustellen. Besonders hier:

 

 

Gierig küsste er das Kreuz, ja, er beeilte sich geradezu, es zu küssen, ganz wie man sich beeilt, irgendetwas als Vorrat für alle Fälle mitzunehmen; aber es ist nicht anzunehmen, dass er dabei irgendeinen religiösen Gedanken hatte oder sich einer religiösen Handlung bewusst war.

 

Und zur psychischen Stimmung:

 

 

Ist es nicht merkwürdig, dass in diesen letzten Sekunden so selten ein Verurteilter in Ohnmacht fällt? Im Gegenteil, das Gehirn lebt unheimlich intensiv, arbeitet rastlos, unermüdlich und stark, stark, stark, wie eine Maschine in vollem Gang; ich bilde mir ein, sie stampfen nur so durchs Gehirn, diese verschiedenen Gedanken, die man alle nicht zu Ende denkt, und vielleicht sind es sogar sehr lächerliche, so nebensächliche Gedanken (…)

 


Ich kann mir auch gut vorstellen, dass das Hirn hellwach ist, der ganze Körper angespannt, das Denken völlig klar, eben durch das völlige Nichtwissen eines Danach, dieses völlig Ungewisse.

Myschkins Beschreibung, wie man das Gesicht eines Verurteilten kurz vor dem Tod malen müsste, das dem Unausweichlichen entgegen blickt, reizt mich sofort zu einer Zeichnung:


 

 

"... die Hauptsache ist der Kopf; das Gesicht ist weiß, schneeweiß, der Geistliche aber hält ihm das Kreuz hin, das jener gierig mit seinen blauen Lippen küssen will, er streckt schon die Lippen vor und schaut und - weiß alles."


In der Personenbeschreibung ist Dostojewski nahezu meisterhaft. Hier zum Beispiel über Gawrila Ardalionytsch:

 

Sein Gesicht war klug und sehr hübsch. Nur sein Lächeln war bei aller Liebenswürdigkeit gewissermaßen allzu fein, die Zähne erschienen dabei von gar zu perlenartiger Gleichmäßigkeit, und sein Blick war trotz seiner heiteren, vielleicht etwas zur Schau getragenen Offenherzigkeit etwas gar zu stechend und abschätzend.

 


Das Meisterhafte wird aber erst durch die Gedanken von Fürst Myschkin abgerundet:


"Wenn er allein ist, wird er wohl ganz anders blicken und vielleicht niemals lachen."



Über Tozkij heißt es:


Er wollte nicht „geschmacklos“ heiraten, denn er wusste Schönheit sehr zu schätzen…



… und ich finde, mit diesen anfangs wenigen Worten ist sein Charakter schon gut erfassbar.



 

Tozkij hat Nastassia als Kind aufgenommen und dann, um ihres schönen Wesens willen, auf ein anderes Gut – das Lustschloss - mitgenommen, wo sie sich entwickelt und einen unbändigen Hass und Ekel gegen ihn aufbaut, der allerdings unbegründet ist. Vielleicht ist es der jugendliche Zorn der Entwicklung oder die Wut, dass ihre Familie gestorben ist, und Tozkij sofort nach ihrem Leben gegriffen hat, das wird nicht explizit ins Wort gefasst. Diesen Ekel kann er sich auch nicht ins Detail erklären, doch er ahnt, dass er sie zu absurden und auch bösen Taten reizen könnte. Darum gibt er ihr in vielen Dingen nach; zum Beispiel heiratete er nicht und schenkte ihr Luxus und eine Wohnung in Petersburg. Nun aber, wo er heiraten möchte und sich aus Angst vor der Reaktion Nastassias nicht richtig entschließen kann und damit den Zorn der „Schwiegereltern“ auf sich zieht, erfindet er eine Geschichte, dass er in der Vergangenheit eine Liebschaft mit Nastassia eingegangen sei, um ihrer Verachtung einen Grund zu verleihen. Er hat sie nicht wirklich sexuell missbraucht, er schmückt seine Angst vor ihr und ihren Ekel vor ihm einfach nur aus, damit andere einen Sinn dahinter erkennen können.

In ihr tobt etwas anderes:


… irgendein inneres, seelisches Chaos: um etwas wie eine romantische Entrüstung über Gott weiß wen und Gott weiß was, jedenfalls war es ein unersättliches Verachtungsbedürfnis, das jedes Maß überstieg – mit einem Wort, etwas im höchsten Grade Lächerliches und in der guten Gesellschaft Unerlaubtes, dem im Leben zu begegnen für jeden anständigen Menschen eine wahre Strafe Gottes ist.



Nastassia ist nicht unbedingt von bösartigem Wesen, in ihr schlummert eine Wut, die sich noch zeigen wird. Sie ist aber, da sie für sich auf diesem kleinen „Lustschloss“ aufgewachsen ist, sehr emanzipiert,  denn Tozkij stellt  fest, dass es nicht von den „Mädchenbüchern“ herrühren kann, die dort für das junge Kind bereitlagen. Sie muss sich ihr Wissen aus anderen Quellen angeeignet haben.

Hier sollte man sich auch nicht durch das „Lustschloss“ verwirren lassen, denn es waren einfach kleine Residenzen, die sich dem öffentlichen Menschenauflauf, der bei den großen Schlössern so alltäglich war, entzog und dem Besitzer ein bisschen Privatatmosphäre ermöglichte.  Lustschlösser waren vor allem Orte der Feste, des Tanzes und der Musik, oft auch der Literatur und der Malerei für nur einen kleinen Kreis an Menschen. Damit bildeten sie den Gegensatz zur eigentlichen Residenz, welche häufig in der Nähe lag, den Staatsgeschäften diente und in welcher die Etikettε gewahrt werden musste.


Nastassia liebt sowohl Myschkin als auch Rogoshin auf verschiedene Art und Weise. In Rogoshin entdeckt sie ihren Niedergang und die in ihren Augen verdiente Strafe für ihr verwischtes, beflecktes Wesen, Myschkin hält sie für zu gut und liebt seine Reinheit, die sie ebenso in ihrer Auffassung nicht verdient. Sie will durch Rogoshin ins Unglück geraten (Selbstmarter) und erahnt, dass sie für Myschkin gleiches bewirken würde. So pendelt sie unruhig zwischen ihnen. Gleichfalls könnte ihre Ich-Bezogenheit auch ein Hinweis darauf sein, dass sie weder den einen noch den anderen richtig liebt, sondern sich an beiden "Lieben" nur selbst erprobt.

Durch ihr Wesen schimmern mehrere psychologische Defekte hindurch und ihre Verwirrung, das Hoch-und-Tief ihrer Emotionen, sind die sichtbaren Anzeichen dafür.
Später fasst Aglaja Nastassia in ihrer Gestalt (wenn auch aus einer eifersüchtigen Perspektive, die allerdings trotzdem den Kern an Wahrheit enthält) schön zusammen:



... denn lieben können Sie ja überhaupt nur Ihre Schande und das immerwährende Denken daran, dass Sie entehrt sind und dass man Ihnen Unrecht getan hat. Wäre Ihre Schande nicht so groß oder wären sie überhaupt nicht vorhanden, so würden Sie unglücklicher sein…


 


Nastassias Zerrissenheit und das sich immer wieder darauf berufen, dass sie das Opfer eines alternden Lüstlings war, dient ihr auch ein bisschen als Abwehr, als auf den Leib zugeschnittene Persönlichkeit, die jede ihrer absurden Handlungen rechtfertigen soll. Das macht sie trotz ihrer auffallenden Schönheit sehr unsympathisch, und dem Leser erscheint ihr Tun wie ein zu ernst geratenes Spiel, das aus der Bahn gerät, denn immer, wenn sie etwas Beständigkeit erreichen könnte, flüchtet sie wieder. Diese Selbstbestrafung wird ihr aber zur Maske, als Vorzeigeobjekt ihrer Nicht-Vernunft, die sie damit zu entschuldigen sucht.

 

Myschkin ist die Personifikation der christlichen Liebe. Er liebt und lebt aus Mitleid. Den "Idioten" in ihm sehen die anderen hauptsächlich, weil er wie ein Kind ohne Hintergedanken denkt und spricht, voll von Demut und Mitgefühl für alle, was die anderen niemals fertig bringen würden, denn sie können nicht ohne Urteil, ohne Verachtung, ohne eigene Deutung anderer Menschen sein.
In der Nähe von Kindern fühlt Myschkin sich wohl, weil sie eine reine Seele haben, die sich in seiner spiegelt. Zwischen den Erwachsenen fühlt er sich falsch und unsicher, als würde er sich verstellen müssen.
In Myschkins Wesen ist auch viel östliches Denken enthalten. Sichtbar wird es in seiner Art zu vergeben, in seinem Empfinden von Mitgefühl (was, ja seine Liebe zu Nastassia darstellt), durch sein Blicken ins Innere und Erkennen eines immer wieder guten Kerns im Gegenüber.

Ein Kunstwerk wird im "Idioten" besonders in den Vordergrund gestellt. Myschkin ist davon tief bewegt, wie es einst auch Dostojewski war, der die Abbildung des toten Christus von Holbein nicht mehr aus dem Kopf bekam.
Im Dostojewski-Museum in St. Petersburg kann man das Gemälde von Hohlbein (eine 1:1 Kopie) hinter Glas betrachten:





Myschkin sagt:


Ich habe das Original im Auslande gesehen, und seitdem kann ich dieses Bild nicht mehr vergessen.


 

... und hier spricht der Schriftsteller zu uns.

Das Bild zeigt einen liegenden Christus auf weißem Tuch. Das Bild ist genauso lang wie der dort ausgestreckte, abgezerrte Christus und hat auf mich dadurch die Wirkung, als würde dieser Tote in einem Sarg liegen. Auch sind seine Augen offen, sogar aufgerissen, ebenso wie der Mund. Der Christus ähnelt dadurch also mehr einem Menschen als einem „Gott“, worüber Dostojewski auch seinen Menschgott erfindet (wird in "Die Dämonen" intensiver ins Wort gefasst!). Rogoshin sagt, ihm könne nach diesem "Bilde jeder Glaube vergehen", weil er darin nichts Göttliches, sondern vielmehr Menschliches erkennt. Hier hat Dostojewski seine ersten Gedanken dazu geäußert, die er später in den "Dämonen" vertiefen wird. (Kirilloff):
Die Verneinung Gottes zieht unausweichlich die Bejahung des Menschen nach sich.

Zu dieser Erkenntnis gerät das russische Volk aber sehr schleichend. Myschkins Eindruck, dass ein Atheist ständig von anderen Dingen spricht, wenn es um das Thema Glauben geht, ist auch ein schöner Hinweis. Er sagt:



... weil es mir auch früher aufgefallen ist, so oft ich mit Atheisten zusammengekommen bin oder Schriften von ihnen gelesen habe, dass sie gar nicht davon sprachen oder schrieben, wenn es auch hundertmal diesen Anschein hat.


 


Was dadurch zurückbleibt ist der desillusionierte Atheist - ein ängstliches und darum auch "rohes" Wesen. Er hat Gott zwar verloren, hat sich aber noch nicht auf sich selbst besonnen und seinen Gott in sich erkannt.

 

Keller fasst Myschkin gut zusammen:



Erbarmen Sie sich, Fürst: bald sind Sie die leibhaftige Verkörperung einer solchen Unschuld, einer solchen Herzenseinfalt, wie sie selbst im goldenen Zeitalter unerhört gewesen sein muss, und bald wiederum oder vielmehr gleichzeitig durchschauen Sie einen mit den tiefsten psychologischen Bobachtungen, die einem wie Pfeile durch das Mark und Bein gehen.


 



Fürst Myschkin ist kein Idiot, und er ist auch nicht einfältig. Er ist nur unfassbar gutgläubig, unfassbar für sein Umfeld, das sich im eigenen Klassendenken suhlt.
Der Fürst ringt einfach zu oft mit sich selbst, was einen klaren Blick auf die Dinge für ihn nicht möglich macht. (Auch darum wirkt er manchmal wie ein „Idiot“, und als Leser benötigt man hin und wieder viel Geduld mit der all zu guten Seele, die dadurch nicht besonders geistreich und fesselnd erscheint, was Myschkin zwar sympathisch, allerdings auch anstrengend macht.) Während er einen Verdacht hegt, verachtet er sich wegen des schlechten Gedankens über einen anderen Menschen. So herrscht in Myschkins Innerem immer der Kampf zwischen der Ahnung und seinem eigenen Vorwurf gegen diese Ahnung. Selbst, wenn er erkennt, dass er im Recht war (dass der Andere in schlechter Absicht handelte), muss er gerade aufgrund dieser Erkenntnis dem Anderen verzeihen und ihm noch etwas Gutes tun, für den Anderen das Leben verschönern, weil er schlecht über ihn gedacht hat. Auch das sind die Auswirkungen seines Mitleids für die Menschen. Dieses Ringen mit sich selbst deutet er mit solchen Worten an:



… das eine ist nur ganz zufällig zum anderen gekommen, zwei Gedanken sind sich begegnet, wie das sehr oft geschieht.


 


Er nennt es später die „Doppelgedanken“, gegen die man machtlos ist, bei denen Myschkin voraussetzt, dass sie in jedem Menschen vorhanden sind. So kann er sich auch gegen niemanden zum Richter erheben, wenn man ihn um ein Urteil bittet.



Am besten ist, man überlässt das Ihrem eigenen Gewissen, was meinen Sie?“



... sagt er zu Keller. Auch hier wieder ein Nichtwerten (östliche Weisheit).
Hinzu kommt: Einmal ist es sein Wissen über die eigene Unzulänglichkeit, was ihm kein Urteil erlaubt, zum anderen auch das Bedürfnis, immer nur das Gute im Menschen sehen und erkennen zu wollen. Über wen er zu Gericht sitzt, ist er selbst.

Die Erschütterung über den "Idioten", die ich beim Lesen hin und wieder empfinde (diese Empörung, dass ein Mensch wissentlich alles auf sich nimmt, sich wissentlich hintergehen lässt und sich dann noch dafür schämt, dass er in seinem Verdacht Recht behalten hat), ist eher eine Art Beschützerinstinkt, weil man das gute Herz des Fürsten nicht von all diesen Gierigen ausgenutzt sehen will.

 

Die Auswirkungen des Anfalls, die Myschkin in seiner Mystik beschreibt,  waren faszinierend. Diese Verwirrung zuvor, in der er nicht mehr klar denken kann und der Taumel hinein in diesen Anfall (wie eine langsame Vorbereitung), der ihm eher als Licht erscheint, nicht als etwas Negatives, auch als eine Art von kurzer Erlösung. Wir, die Außenstehenden, sehen dieses krampfende, mit verdrehten Augen und Gliedern zuckende Wesen in seiner Krankheit, der Kranke selbst erfährt darin eine Offenbarung und eine Erhellung seiner Bedrückung, erlebt dabei scheinbar einen kurzen (Aus)Weg aus dem Leid:



… ganz plötzlich mitten in der Traurigkeit, der inneren Finsternis, des Bedrücktseins und der Qual (…) Die Empfindung des Lebens, des Bewusstseins verzehnfachte sich in diesen Augenblicken, die nur die Dauer eines Blitzes hatten. Der Verstand, das Herz waren plötzlich von ungewöhnlichem Licht erfüllt; alle Aufregung, alle Zweifel, alle Unruhe löste sich gleichsam in eine höhere Ruhe auf, in eine Ruhe voll klarer, harmonischer Freude und Hoffnung, voll Sinn und letzter Schöpfungsursache. (…) Diese Sekunde war allerdings unerträglich.


 


Bei den "Dämonen" gibt es eine ähnliche Stelle. Kirilloff, der Selbstmörder, sagt:



Es gibt Sekunden, es sind im Ganzen nur fünf oder sechs auf einmal, und plötzlich fühlt man die Gegenwart der ewigen Harmonie, der vollkommen erreichten. Das ist nicht irdisch; ich rede nicht davon, ob es himmlisch ist, sondern ich will nur sagen, dass ein Mensch in irdischer Gestalt das nicht aushalten kann. Man muss sich physisch verändern oder sterben. Dieses Gefühl ist klar und unbestreitbar. Als ob man plötzlich die ganze Natur empfände, und plötzlich sagt man: ja, es ist richtig.
(…) Das Furchtbarste ist, dass es so schrecklich klar ist und eine solche Freude. Wenn das länger als fünf Sekunden dauerte … würde die Seele es nicht aushalten und müsste vergehen.


 


Auch hier beschreibt Dostojewski den Zustand während des Anfalls.

Bei dem Fürsten heißt es weiter: 



Wenn er später in bereits gesundem Zustande über diese Sekunde nachdachte, musste er sich sagen, dass doch all diese Lichterscheinungen und Augenblicke eines höheren Bewusstseins und einer höheren Empfindung seines Ich, und folglich auch eines „höheren Seins“, schließlich nichts anderes waren als eine Unterbrechung des normalen Zustandes, eben als seine Krankheit (…)


 


.Hier handelt es sich um einen vergeistigten Zustand.

Deshalb ist es gar nicht so sehr ein "trotzdem", sondern Myschkin sieht darin keine Krankheit, sondern etwas Auserwähltes, einen plötzlich klaren Blick.



… was geht es mich an, dass diese Anspannung nicht normal ist, wenn das Resultat, wenn der Augenblick dieser Empfindung, nachher bei der Erinnerung an ihn und beim Überdenken bereits in gesundem Zustand, sich als höchste Stufe der Harmonie, der Schönheit erweist (...)


 


Im "Idioten" heißt es über die Wirkung im Vergleich zu den Drogen:



(…) Denn das waren doch in diesem Moment nicht irgendwelche geträumten Visionen, wie nach dem Genuss von Haschisch, Opium oder Alkohol, die die Denkfähigkeit herabsetzen und die Seele verzerren, unnormale und unwirkliche Trugbilder.


 


Also ist es ein für den normalen Menschen nicht fassbarer Rausch, der den Geist nicht verzerrt, sondern öffnet.
Da frage ich mich, ob Dostojewski es wirklich so für sich empfunden hat. Diese Sekunden müssen unerträglich sein, aber für den Kranken nur deshalb, weil sie so voller Glück und Freude sind. Der Epileptiker verliert ja jede Kontrolle, warum Myschkin auch die Treppe hinunterstürzt und nicht mitbekommt, dass Rogoshin ihn mit dem Messer verletzt. Da kann man sich vorstellen, dass dabei eine ganz andere "Welt" aufgeht.
Es heißt ja auch, dass sich die epileptischen Anfälle von Dostojewski während seiner Gefangenschaft stark verschlimmerten. Möglich, dass er auch durch diese Anfälle Gott und den Glauben in sich fühlte.