Herman Melville


Pierre oder Die Doppeldeutigkeiten


  • … dass all die großen Bücher dieser Welt nur die verstümmelten vorausgeworfenen Schatten unsichtbarer, auf ewig körperloser Bilder in der Seele sind; so dass sie nur die Spiegel sind, die uns unser Ureigenes verzerrt widerspiegeln; und wie immer auch der Spiegel beschaffen sein mag, wenn wir das Ding sehen wollen, müssen wir das Ding selber anschauen, nicht den Spiegel.



Was für ein Roman. Für den Leser in jeglicher Hinsicht eher ein Kampf als ein Vergnügen, wenn er auch dennoch glänzende, ja beeindruckende Passagen enthält, weshalb ich auch nicht von Melville lassen kann. Sein Geist, seine Gedanken, sein Trotz, gegen Meinungen und Vorschriften anzuschreiben, ist das, was mich in all seinen Werken beeindruckt.


Nicht umsonst ist „Pierre“ eines der umstrittensten Werke Melvilles, in dem man kaum seine Stimme wiedererkennt. Stattdessen findet man sich in ein mächtiges Durcheinander äußerst unausgewogen zusammengebauter Abschnitte geworfen, die in ihrer Schönheit und Erhabenheit dem sinnlosen schwülstigen Geschwätz und den häufig langatmigen Passagen gegenüberstehen.

Natürlich ist der Kenner Melville’scher Werke von ihm gewohnt, dass er zwischen seine Kapitel gerne philosophische Hinterfragungen oder enzyklopädische Belehrungen einfließen lässt (und wie habe ich sie in "Moby Dick" genossen). Was sie nun aber in diesem Werk so unsortiert zu suchen haben, ist nicht ganz nachvollziehbar.


Tatsächlich steht immer wieder die unlösbare Frage vor Augen: was hat Melville nun mit diesem Roman tatsächlich zeigen wollen? Wollte er Hamlet modernisieren? Die Tugend ironisieren oder gar hervorheben? Wollte er eine Liebe zwischen Geschwistern der Aufopferungsbereitschaft Christus gegenüberstellen oder einfach nur zeigen, dass eine Entscheidung für einen Menschen automatisch eine Entscheidung gegen einen anderen oder gar sich selbst bedeutet?



Und dann diese Sprache, das Durcheinander …

Leicht kann es passieren, dass auf einmal, nach Lust und Laune des Autors, neue Personen eingeführt werden, die im vorangegangenen Geschehen nicht ein einziges Mal aufgetaucht sind, obwohl sie doch zur Geschichte gehören und nun dem Anschein nach diese voranbringen sollen, oder dass dem Protagonisten nach etlichen Seiten auf einmal ein Talent zugesprochen wird, dass in seiner Vorgeschichte an ausführlicher Beschreibung von Kindheit, Jugend und Erwachsenwerden kein einziges Mal Erwähnung fand, nun aber, als eine Art Rückblick, vorausgesetzt wird, um wieder einmal die Geschichte voranzukatapultieren. Dazwischen werden Orte wachgerufen, die einfach nur genial beschrieben sind.


Wie also soll sich der gutwillige Leser hier noch ein Bild machen können? Hin und her gerissen von diesem Chaos an Buchstaben? Von seiner Sympathie für diesen herrlichen Schriftsteller und solch einem abtrünnigen Werk? Wenn man bei Melville auch bei „Pierre“ das Meer sucht, so nur in diesem Auf und Ab, in diesen Wogen an wunderschönen philosophischen Gedanken und Beschreibungen voller Spannung und Feinheit und dem ganzen dazwischen gestreuten Blabla seiner Figuren, das nicht nur unnötig, sondern auch anstrengend zu lesen ist. An einigen Stellen fragt sich der Leser dann nicht ganz umsonst, ob er das Buch nicht doch lieber zuklappen sollte und, ich bin mir sicher, einige haben und werden es auch tun. So ist dieses Werk zwar mächtig, aber doch nur geeignet für wahre Melville-Fans.


Worum geht es also …


Pierre Glendinning ist der liebevolle, aufmerksame, fügsame Sohn von Mary Glendinning. Er entstammt einer reichen und bekannten Familie, lebt in einer leichtfüßigen, idealen Welt und vertritt auch eindeutig idealistische Ansichten, die weltfremd gegenüber der Wirklichkeit stehen.

Das, was später in einem Pamphlet des Gurus zu lesen ist, zeigt, wie sehr Pierre in vielerlei Hinsicht keine richtige Vorstellung von der Welt hat, denn nach dem Guru ist das Göttliche und Menschliche unterschiedlich und als andere Zeit zu deuten, so dass der Mensch nach Menschlichem streben und handeln sollte, nicht nach Göttlichem. Himmel und Erde sind zwei verschiedene Orte und lediglich Idealvorstellung, will der Mensch nach dem Himmel streben, ist er himmelgemacht, demnach ein Engel, sehnt er sich nach dem Schmutz, ist er aus diesem geboren.

Niemand hält in Wirklichkeit die andere Wange hin, darum ist das Beharren auf Sündenlosigkeit, auf Ideale, die nicht umsetzbar sind, nutzlos und unmöglich. Es wäre lediglich Heuchelei. Und das ist das, was man allgemein Frömmigkeit nennt. Dem gegenüber steht all das, was Pierre schon bald umsetzen wird. Er versucht, das Handeln über das Denken zu stellen.


Pierre liebt Lucy Tartan, eine  wunderschöne, junge Frau. Ihre beiden Väter waren einst befreundet, bevor sie starben. Auch die Mutter von Lucy ist interessiert daran, dass beide sich vermählen. An dieser Stelle hat Melville Zeit, über die Liebe zu reflektieren.


  • Der Mensch, den Sorgen niederdrücken, kann nicht lieben; der Trübsinnige kann Gott nicht finden.



Alles verläuft bestens, bis Pierre eines Tages dem „Antlitz“ begegnet. Eine junge, ärmlich und schlicht gekleidete Frau fällt mit einem „delphischen Schrei“ in Ohnmacht. Ihr Schrei und ihr Gesicht gehen ihn von da an nicht mehr aus dem Kopf, bringen seine heile Welt ins Wanken. Ein Geheimnis umgibt die Frau, ebenso das, was ihn dabei so aufwühlt.

Bald schon klärt sich alles auf, allerdings nur, wenn der Leser dieser eigenartig verqueren Welt Melvilles viel Freiheit und Großmütigkeit zu gestattet. Pierre erhält einen Brief, in dem ihm niemand anderes als seine Schwester Isabel schreibt, sie sei ebenfalls ein Kind seines Vaters, allerdings von einer anderen Frau.


Pierre trifft sich mit dem "Antlitz", erfährt einiges über seinen Vater (der viele Züge von Melvilles eigenem Vater trägt und auch wie dieser an Fieber und Fieberwahn stirbt) und dessen Verfehlungen, vergleicht die Züge Isabels mit einem geheimen Porträt, das er von seinem Vater besitzt und das ihn jung und ganz anders darstellt, als das bekannte, das seine Mutter besitzt, schließt daraus, dass Isabel tatsächlich seine illegitime Tochter sein muss, erinnert sich auch, dass der Vater im Fieberwahn von einer Tochter gesprochen hat, und schwört sich nun, aus Liebe zu seiner neuen Schwester, sein ganzes Leben zu ändern.

Da seine Mutter diese Frau niemals akzeptieren würde, da sie ansonsten erfahren müsste, dass ihr verstorbener Ehemann noch eine andere Frau geliebt und sogar eine Tochter mit ihr gezeugt hat, beschließt Pierre in seinem Idealismus zu handeln und so zu tun, als hätte er seine Schwester geheiratet. So kann er sich öffentlich mit ihr zeigen, ohne dass die Menschen wissen, in welchem wahren Verhältnis sie zueinander stehen. Dafür löst er die Verlobung mit Lucy, die ihm immer noch alles bedeutet, die er aber für das Glück seiner Schwester opfert und ins Unglück stürzt. Isabel, die dunkelhaarige und schwarzäugige Schönheit steht der reinen blonden und blauäugigen gegenüber und wird dieser vorgezogen. Die Tugend und Reinheit bleibt sich selbst überlassen, während Pierre sich dem dunklen Geheimnis Isabels überlässt und annimmt. Möglich, dass man diese Entscheidung als Metapher deuten kann, als das Abweichen vom Wege. Er erklärt auch seiner Mutter, er hätte gegen ihren Willen ein armes Mädchen geheiratet. Ist all das vollbracht, zieht er mit Isabel nach New York, eine ihnen beiden fremde Stadt, nimmt auch ein ehrlos gewordenes Mädchen mit, und wohnt dort als Mann und Frau, um sich als Schriftsteller zu verdienen.

Soweit, so gut. Das Problem an dieser ganzen Geschichte ist nicht so sehr ihre eigenartige Entwicklung als die seltsame Eigenart Melvilles, Schwester und Bruder über endlose Seiten hinweg in derartig schwülstige Liebesgespräche geraten zu lassen, dass der Leser diesem Geplänkel schnell überdrüssig wird. Noch absurder aber ist die Entscheidung Pierres, alles hinter sich zu lassen, mit den Frauen in eine fremde Stadt aufzubrechen und dort ein Leben als Schriftsteller zu führen, auf das er sich nicht nur urplötzlich neu besinnt, sondern es schon von vorneherein lebte, wie uns Melville etwas leichtherzig mitteilt, als hätte er Pierre nicht längst näher betrachtet und dessen Entwicklung ins Wort gefasst.

Fast wirkt es wie jene Menschen, die keine Witze erzählen können und den Ablauf der Geschichte durcheinanderbringen und ständig vergessen, was erzählt werden muss, bis es ihnen einfällt und sie es nachträglich in ihren Witz einbauen, wodurch sich der Witz dann völlig verliert. Melville erklärt, dass er schreibt, wie er möchte, dass ihm die normalen Romanablaufbedingungen im Grunde egal sind. Daher traut er sich und dem Leser auch zu, Pierre, einen doch eher eitlen, jungen, sorglosen Burschen, auf einmal in einen Schriftsteller zu verwandeln, der bereits in seiner Jugend (zuvor allerdings mit keinem Wort erwähnt) Erfolge feierte.


Bekannt ist, dass Melville in „Pierre“ seine eigenen Erfahrungen beim mühseligen Verfassen und Beenden seines Romans „Moby Dick“ verarbeitete. In damaligen Rezeptionen sprach man von einem Verrückten, einem Wahnsinnigen, der sich an seinem verflixt siebten Roman die Zähne ausgebissen hätte.
Tatsächlich war Melville zu diesem Zeitpunkt sehr frustriert und kämpfte mit Geld- und Eheproblemen. Das Einfügen seiner Schimpferei auf die Literatur- und Kritikerwelt wäre auch nicht so schlimm und liest sich hervorragend, wenn dadurch die gesamte Geschichte des jungen Pierres nicht in eine völlig abwegige und falsche Richtung kippen würde. Hätte Melville beispielsweise zwei Romane daraus gemacht, wäre die Figur und der Weg, den sie geht, wesentlich glaubwürdiger. Hätte er am Anfang seines Buches bereits angedeutet, dass Pierre Interesse an der Schriftstellerei hat, so wäre die spätere Passage nicht so eigensinnig und auffällig. So aber kracht sie irgendwie viel zu lärmend mitten in das Geschehen, wobei zuvor die Fahrt in die Stadt, in dieser wackelnden Kutsche, noch so grandios erzählt wurde, die dann durch die plötzliche Wendung zum "Leben eines Schriftstellers" unangebracht unterbrochen wird.

Dabei muss man wirklich betonen, dass diese Reise in die Stadt samt ihrem überraschenden Ausgang von Melville wunderbar spannend gestaltet wurde. Hier erreicht er dostojewskijsche Größe an engen, dunklen Straßen, Ängstlichkeit und bitteren Enttäuschungen. Nach dem vorangegangen Liebesschwulst – Meine Schwester – mein Bruder, wie sehr verehre ich dich und du mich… usw. – will man natürlich unbedingt wissen, wie sich dieses Einleben der beiden Frauen an der Seite Pierres gestaltet. Er, der sich auf seinen Cousin Glen verlassen hat, wird bitter enttäuscht und muss nun irgendwo unterkommen. Der Leser, bereits häufiger durch Geduld geübt, freut sich daran, zu erfahren, wie Pierre das in die Wege leitet. Aber Melville sieht gar nicht ein, hier näher auf das von ihm so gut aufgebaute Eintreffen in der Stadt weiter einzugehen, nein, er widmet sich ganz den Kümmernissen und Plagen des neu geborenen Pierres als Schriftsteller, wobei Pierre dann  auch immer wieder im Gedankengut des Erzählers verschwindet.


Und dennoch … die ganzen philosophischen Betrachtungen, die man von Melville ja grundsätzlich als jene Abweichungen gewohnt ist, die auch durchaus gerne einmal eine Geschichte für die Erörterung von „Sein und Nichtsein“ ganz und gar unterbrechen, sind einfach nur herrlich zu lesen.
So muss man dieses ganze eigenwillige (nicht umsonst umstrittene) Werk einfach wie einen riesigen Patchworkteppich lesen, aus dem man sich die wertvollen Gedanken herausgreift und dann wieder dankbar ist, wenn es mit der Geschichte des wandelbaren Pierres weitergeht. Bruchstückhaft setzt sich der Roman also zusammen, mit ausgedehnten Beschreibungen, noch ausführlicheren Betrachtungen, häufig langatmigen und unnötigen Gesprächen, die nur noch einmal beinhalten, was längst gesagt wurde und auch vom Leser durchaus schon verstanden war. Auch weicht der Roman ganz und gar von Melvilles anderen Werken ab, nicht nur im Inhalt, sondern auch in der Atmosphäre.

„Pierre“ ist also kein Werk, dass angenehm zu lesen wäre oder den Leser nicht häufiger in die Überlegung treibt, es einfach zur Seite zu lesen. Liest man dann weiter, müht sich über bestimmte langweilige Passagen, wird man andererseits auch belohnt. So zeigt sich, dass genauso doppeldeutig, wie der Roman in vielen Ecken und Kanten ist, auch der Genuss des Lesens seine Wirkung zeigt. Doppeldeutig gut und schlecht ist das Werk „Pierre“. Doppeldeutig spannend und langweilig bis zum Abwinken. Doppeldeutig mit schönen Figuren ausgestattet, die ihr Gesicht dann so plötzlich wechseln, dass sie unglaubhaft werden.


Der Roman ist also nicht umsonst mit dem Untertitel „Die Doppeldeutigkeiten“ versehen. Die englische Bezeichnung von „ambiguity“ spiegelt aber auch Vielschichtigkeit und die Gegenüberstellung subjektiver und objektiver Wahrnehmung wider. All das findet sich zu Genüge im Roman. Alles ist vielschichtig, und wenn auch die Geschichte hin und wieder an dieser Doppeldeutigkeit zu scheitern droht und sich verschlechtert, so kann man nicht sagen, Melville hätte seine Hintergedanken nicht ganz in seiner Eigenart zu Papier gebracht. Dieser Roman verhalf ihm zu keinem Erfolg, kostete ihn aber auch nicht das, was er schon erreicht hatte, da danach Erzählungen wie „Bartleby“ oder der Roman „Maskeraden“ folgten.


Vielleicht ist es sinnvoll, Melvilles Werke allgemein im Original zu lesen, da er ein Meister neuer Sprachschöpfungen ist, die ins Deutsche kaum zu übertragen sind.

 


 

 

(Alle Zitate sind der Ausgabe - Herman Melville "Pierre und die Doppeldeutigkeit", dtv Goldmann Verlag, Übersetzung: Rainer G. Schmidt - entnommen.)




(c) Annelie Jagenholz