Projekt "Schoseffah"



Nun Schoseffah, wie könntest du wohl aussehen?

Bist du eher verschachtelt:




... oder skurril:





... oder verträumt:




... oder gehörst du gar zu jenen zarten Geschöpfen, denen der Wind so gerne das Haar zerzaust???





Noch wissen wir es nicht.



1.


Sie sei kein Kind von Traurigkeit, sagt man von ihr. Die Augen - umrandet, milchweiß, vereinzelt gespalten von rötlicher Ader - sind vielleicht nicht gerade schwermütig zu nennen, aber doch ist da ein Gefühl, ein leichtes, oberflächliches, welches auf Schwerfälligkeit hindeutet, eine kantige Angelegenheit, nur flüchtig, wahrgenommen höchstens von denen, die im Vorbeigehen das verwischte Gesicht für sich geistordnen, weil gerade Raum dafür vorhanden war, was nicht häufig vorkommt.
Sie setzt den Fuß kräftiger auf, als andere Menschen, sie isst, wenn sie isst, gleich mehrere Portionen, und wenn sie lächelt, dann spannen sich ihre Lippen quer über das Gesicht, so dass sie oberhalb leicht umklappen. Schoseffah macht sich nichts aus der Welt, aber seltsamerweise macht sich die Welt viel aus Schoseffah.

 

 

 

Als Schoseffah durch die Straßen flanierte, dachte sie sich nichts, hatte nur Sehnsucht nach einer Zimtrolle. In den Bäckereien gab es nur Nuss oder Mohn, sie aber wollte Zimt, weil sie kalte Dezembertage mochte. Sie ließ sich treiben, zwischen Schultern und Blicken. Sommerlich war ihr Kleid, hüpfte mit dem Auf und Niederwippen ihres Gesäßes in die Höhe. Die Kunst des Hüftschaukelns - darüber gab es einen Ratgeber, der gleichzeitig auch darauf hinwies, dass der Gedanke an das richtige Gehen bereits die Kunst verhinderte.
Sie stieg Stufen empor, betrat das Hotel VERMÄCHTNIS, schäbig im Inneren, mit fleckigem Teppich und gähnendem Personal. Auch sie gehörte irgendwie dazu, als minimalistischer Teil völliger Verblödung. Einmal in der Woche arbeitete sie als Zimmermädchen, gab vor, die Zimmer zu richten, während sie im Leben anderer stöberte.

Vor ihr öffnete sich ein langer Gang mit einander gegenüberliegenden Türen. Fast eine Art Shining, sogar in Übereinstimmung mit dem Kind, das ihr auf einem Dreirad entgegenkam und die Zunge herausstreckte. Schoseffah lächelte. Schon war der Appetit auf Süßes wieder verflogen, der Staub der Gänge stieg ihr in die Nase, lag auf jeder Etage in gleicher Schicht, fast wie in jenem Stockwerk, in dem die Zimmer aus den üblichen Hotelklischees verschlossen waren und aufgrund abstrakt geformter Muster auf dem Teppich nie betreten wurden.
Eine der Türen, an der sie vorbeischlenderte, stand zur Hälfte offen, während an der Klinke das 'Bitte nicht stören!' - Schild baumelte. Im Zimmer diskutierten lautstark vier Männer, tranken Champagner, spuckten ihn gegen die Wände, einander auf die Kleidung und schlossen just in diesem Augenblick eine Wette ab.
«Habt ihr das Eis?»
«Haben wir!»
«Den Rest?»
«Liegt bereit!»
«Was ist mit der Motte?»
«Pfff…»
«Gut, dann wie folgt. Du musst nur treffen. Wenn du gewinnst, bekommst du die ganze Villa, wenn du verlierst, schneiden wir dir einen Finger ab!»
Schoseffah grüßte: «Guten Tag, die Herren!», wartete auf die Erwiderung und ging danach weiter.
Der Rausch der Männer übertrug sich auf ihr eigenes Gemüt. Sie begann zu schwanken und zu kichern.
«Wär’ ich doch ein Gorilla la la…» sang sie ausgelassen, bis sich neben ihr eine weitere Tür auftat, eine kleine, greise Frau heraustrippelte und wortlos den Zeigefinger auf die Lippen legte. Dann zog sie an ihrer Zigarre, hustete und schloss wieder die Tür.



Endlich fand Schoseffah ein leeres Zimmer. Sie lüftete, durchsuchte die Schränke, ob nicht irgendetwas liegen geblieben war und ergab sich dann ganz dem Bettenmachen. Ihre Gedanken spulten vor. Sie sah, wie sie keuchend einen Treppenflur wischte, während ihr der Nacken dabei brannte. Sie trug einen Kittel und eine Schürze und hatte alle Philosophen vergessen, denen sie in Träumen begegnet war. Sie war etwa zwanzig Jahre älter, auch beleibter, doch das machte ihr nichts aus. Nur der Kittel mit den Blümchen in ausgeblichenen Farben nötigte ihr einen kurzen Seufzer ab.

Da also war er wieder, einer dieser endlos langen Tage, die dadurch kurz erschienen, weil sie sich ewig wiederholten und demzufolge zu schrumpfen begannen, und schon bekam Schoseffah einen Schreck, weil sie glaubte, sie hätte sich in Bukowski verwandelt. Sie setzte sich sofort an einen Tisch und schrieb ein paar Briefe, klagte die Welt an und sich selbst, kritzelte ein paar Götter an den Rand, die kotzten, und wunderte sich, dass sie niemanden wusste, an den sie diese Briefe verschicken konnte.


Sie erinnerte sich an eine Mülltonne, die im Hinterhof stand und genau für solche Zwecke gedacht war. In ihr lagen bereits all die weggeworfenen Briefe der anderen.

Lustlos ließ sie sich auf das gemachte Bett fallen. Düstere Atmosphäre zwischen grell weißen Wänden. Drucke von Monet und Van Gogh, zeitbehandelt wie Warhols. Sie schaltete den Fernseher ein, öffnete die Minibar, holte etwas Eis aus dem Kühlfach und kaute eine Weile darauf herum. Ein Film mit Jeff Daniels lief, der mit trüben Gesichtszügen einen blutigen Finger in der Toilettenschüssel fand und versuchte, diesen hinunterzuspülen.

Nicht Jeff Daniels, aber ein Jack rief sie daraufhin einige Minuten später an, obwohl niemand wusste, dass sie sich im Hotel aufhielt, geschweige denn, in welchem Zimmer. Schoseffah erkannte sofort die Stimme und erinnerte sich. Sie hatte ihn auf einem Seminar 'Wie schaffe ich es, dass die Leute mich mögen' getroffen, wo sie beide gelernt hatten, dass es ratsam wäre, sich mit sehr langem Vornamen vorzustellen, dass die Menschen so genötigt waren, ihnen Spitznamen zu geben. Sinnvoll seien auch unaussprechliche Namen oder gegebenenfalls das Weglassen einiger Vokale. «Ein Spitzname», so der Seminarleiter, «gibt immer den Anschein von Sympathie. Der Mensch fühlt sich dadurch geliebt.»
Schoseffah mochte Jack trotzdem nicht, vielleicht lag es tatsächlich am Namen.

 

 


 

2.


 

Auf ihrem Nachttisch hatte Schoseffah eine Lampe stehen, die aber nicht einfach nur eine Lampe war. Es war noch gar nicht so lange her, sie war leicht angetrunken von der Ereignislosigkeit des Tages, dass der Abend sie ganz erfüllte und ihr Geist leicht wie eine Feder war, da entdeckte sie auf der bauchigen Lichtquelle mehrere Fingerabdrücke. Eine Weile betrachtete sie die Strukturen, verglich sie mit den eigenen, konnte aber aufgrund der so individuell kunstvoll geschwungenen Linien nicht ausmachen, ob die Abdrücke mit ihren eigenen Fingern übereinstimmten. So griff sie sich eine Socke, die achtlos inmitten anderer Socken und Höschen, geworfener und in der Form des Ausstiegs liegen gebliebener Jeanshosen auf dem Boden verteilt lag, und begann damit die Lampe zu bewischen und zu reiben. Unter trüber Kupferschicht begann die Lampe ganz allmählich zu glänzen.

Plötzlich entstieg dem Docht mit lautem Zischen eine gewaltige Wolke an Gin, der sich ihr mit sich allmählich zusammensetzenden Gesichtzügen, wobei sich der eine oder andere Zahn seines aufgerissenen Rachens nicht vervollständigte, in donnernder Stimme vorstellte, dass dabei leise die Scheiben der Fenster vibrierten.
«Uralt bin ich», klagte er sogleich sein Leid, « und kenne das Leben. Alles habe ich schon gesehen. Alles!»
Schoseffah nickte mitfühlend, rieb dabei mechanisch weiter an der Lampe.
«Verdammte Höllenbrut und speiend Flammengruft, ich bin doch draußen, was reibst du noch?» schimpfte die Wolke Gin und bebte.
«Die Flecken müssen weg», klärte ihn Schoseffah bereitwillig auf. «Ich weiß nicht, vorher sie stammen. Nachher geschieht irgendetwas Unvorhergesehenes, ich bin längst ausgezogen, Jahre sind verstrichen und in meiner ehemaligen Bude fällt jemand ungünstig mit dem Schädel gegen ein Tischbein, bleibt mit der Stirn in einer Glasscheibe stecken, wird gar ermordet oder Schlimmeres, und nur auf der Lampe finden sich die einzigen Fingerabdrücke. Wenn sie von mir stammen, dann kann ich einpacken. Wie sollte ich mich da schon wieder herausreden…»
«Genug, genug.» beschwichtigte sie die Wolke und verdrehte die Augen. «Noch einmal von vorne.»

Doch der Flaschengeist setzte seine Rede nicht gleich fort, stattdessen seufzte er tief und verflüchtigte sich kurz, nahm wieder Form an, sprach wie zu sich selbst:
«Die Moderne macht mir wirklich zu schaffen. Keiner glaubt mehr an Wunder, und wenn sie geschehen, dann haben sie es alle längst gewusst oder glauben, sie hätten zu viel getrunken oder geraucht, wären auf einem schlechten Trip. Oder erzählen mir, wieviel besser das letzte Wunder war. Ich aber, ich bin ein wahrer Gin. Ich erscheine nur einmal pro Person, statt immer für den, der an der Lampe reibt. Ich reise schon durch etliche Zeiten und Menschenlaunen. Uralt bin ich, habe alles gesehen. Also überlege ihn dir gut, deinen Wunsch. Ein einziger soll dir erfüllt werden.»
Schoseffah betrachtete ihn eine Weile. «Ja, ja», dachte sie bei sich und hoffte, er würde ihre Gedanken nicht lesen, «bei drei Wünschen kann man zu viel reparieren.»
Ihr Kopf war noch mit Leere, auch irgendwie mit jenem Gin angefüllt, verschwommen trat die Erkenntnis des Wunders in ihre Auffassung, setzte sich dort als Trug und Illusion fest, wurde dann aber durch das unruhige und doch geduldige Verwehen der Wolke eines Besseren belehrt. Da schwebte der Gin mit verschränkten Armen hoch über ihr und fixierte sie in der Erwartung, endlich sein Werk getan zu haben und wieder in seiner Lampe verschwinden zu können. Die Jahrhunderte waren ihm in die Augen geschrieben, leicht bekam sie es mit der Angst zu tun.

So grübelte Schoseffah mit gefalteter Stirn in der Kenntnis jener Geschichten aus ‚Tausendundeine Nacht’, in denen ein Dschinn aus Flaschen und Lampen hervorgerufen wurde, bedachte auch all die negativen Erfahrungen anderer, die zu voreilig oder zu gierig waren, die klug oder vernünftig gehandelt, die gar den Flaschengeist befreit hatten oder sich selbst zu einem solchen wünschten, während die Wolke Gin immernoch wallend knapp unter der Decke hin und her verdampfte. Wünsche waren gefährlich und bewirkten häufig nur Eindimensionalität, zumal der Wünschende nur die Glanzseite, nicht die damit einhergehenden Schattenseiten bedachte, das war ein alter Hut. Dazu waren Wünsche wie „Weltfrieden“ mittlerweile einfach zu abgelutscht und banal, als dass sie diese ernsthaft in Betracht zog, obwohl sie sicherlich das einzig Sinnvolle waren, ebenso wie Strom und Energie für alle kostenlos oder das Ausmerzen jeglichen Hungers.
Der Gin pfiff jetzt leicht bei jeder seiner Bewegungen, drehte Däumchen, dampfte durch die Ohren und einmal auch kurz durch seinen knorrigen Zinken, was wohl so etwas wie ein Niesen war.
«Nun sag endlich deinen Wunsch!» fuhr er sie schließlich an und schwebte auf Augenhöhe.

«Ich wünsche mir», wusste Schoseffah, was sie wollte, «eine andere Lampe mit einem anderen Gin.»
Die Wolke erstarrte abrupt, blähte sich mit einem Mal, vorerst die Backen, dann die Augen, dann den Rest und zerstäubte mit dem Klagelaut: «Unverschämtheit» ins Nichts.
«Ganz genau!» sagte daraufhin Schoseffah zufrieden und freute sich, nichts verloren zu haben. Sie zerknüllte die Socke und warf sie wieder zwischen die anderen Klamotten am Boden. Alle Fingerabdrücke waren beseitigt.
Seitdem stand die Lampe weiterhin friedlich auf ihrem Nachttisch. Insgeheim erwartete sie manchmal, dass sich ihr Wunsch erfüllte, ahnte jedoch gleichzeitig, dass es hierbei um Existenz ging und sie nicht in Gefahr schwebte, das Gleiche noch einmal erleben zu müssen. Entscheidungen waren schwierig genug, und wenn schon Entscheidungen zu treffen waren, dann selbst gewählt, aufgrund bestimmter Ereignisse und Umstände und nicht, ja schon gar nicht mit dem mühelosen Fingerschnippen irgendeiner Wolke, die dabei vorgab, das Leben zu kennen.

 

 

 

 

 

 

 

3.

 

Schoseffah philosophisch:

 

Wird ein Tier von einem Stein getroffen, fällt es um.

 

Wird der Mensch vom Stein getroffen, fragt er „Warum?“

 

 

 

 








4.


Schoseffah wusste nicht genau, was sie von ihm halten sollte. Er sagte, ihm hätte sich die Welt neu eröffnet, er hätte den inneren Geist erkannt, er würde nun in langen Meditationen diese trügerische Welt retten. Schoseffah freute sich für ihn und wünschte ihm dabei alles Gute. Er aber wurde zornig.

«Du muss den Schleier der Welt durchschauen.»

 

«Ich trage ganz gerne mal einen Schleier.»

 

«Du kannst nicht ewig so weitermachen! Du bist verblendet und lässt dich blenden. Durchbrich diesen Teufelskreis, besinne dich auf den GEIST, der in allem ist.»

 

«Wusstest du, dass der Urknall auch nur ein Glauben ist? In etwa genauso  wie der Glaube daran, dass Gott alles erschaffen hat. Wo der Mensch keine Erklärung findet, setzt er sich einen Ausgangspunkt! »

 

Er stampfte auf und begann sie wild zu verfluchen.

 

 


 

5.


 

Da war dieses Geländer, etwa einen Meter hoch, das den Balkon abgrenzte. Blickte man darüber hinweg, sah man etwa fünfzig Stockwerke in die Tiefe, etwas Verschwommenes, einen Ausschnitt Himmel und die unruhigen Lichter der Stadt.
Es ging lediglich um Balance. Niemand wollte das verstehen. Der Tanz gegen die Himmelspforten. Und noch mehr gegen die Erdschichten.
Schoseffah trug Schuhe mit hohen Absätzen, die ihre Beine stark verlängerten. Sie kam sich wie ein Storch vor, der verzweifelt nach Nest suchte. Nur gab es in dieser Hinsicht zu wenige Bauernhäuser in der Nähe, warum sie wohl mit reichen Schnöseln und ihrer Vorstellung: «Das also ist mein Areal! Komm rein und fick’s dir bequem!» vorlieb nehmen musste.
«Ihr glaubt, ihr könnt manipulieren, so werdet ihr selbst manipuliert!» stand auf einem Plakat über dem Kopf eines Genies, der sich Provokateur nannte und nun in der Welt fast schmerzhaft fehlte, die sich auch ohne ihn beständig weiter runderneuerte und durch kritische Zahnreihen jeden Tag weiter veräußerlichte, eine Revolte nach der anderen anzettelte, ohne auch nur eine Lüge zu durchschauen. Kreise an Bedeutungen, die gegen das Gemäuer der Geschichte verpufften. Schwitzflecken an Überzeugungen.

So betrat Schoseffah Räume, Welten, Leben. Sie klagte sich selbst in die richtige Perspektive. Presste ihre Augäpfel zu rot glühenden Rauschzuständen, die lediglich durch Tränen herbeigeführt waren. Da kamen sie und nickten, grinsten ihre eigenen Erfahrungen ins Licht, sie aber hatte nur ein bisschen geheult, eine Selbstdarstellung vor dem eigenen Abbild. Die Schuhe passten zu überhaupt nichts, hatten eine grässliche Farbe, aber sie hatte sie in der Umkleidekabine eines Schwimmbads gefunden, neben einem Fünf-Euro-Schein.

Das verstand sie als Einladung. Es öffneten sich Ecken und Kanten und Räume. Ob nun Brief oder Wort oder Geld oder Schuh. All das führte nur ums Gemäuer herum, verlagerte Sinn um ganze Steinbrüche.

Sie trug in letzter Zeit viel Schwarz. Sie verstand diese Farbe nicht als Traurigk(l)eit(=d), viel eher als den Inbegriff der Eleganz. Motten-inspiriert. Sie war theaterversaut, Sartre-versaut, die Rollkragen hatten sie irgendwann zu dem gemacht, was sie war. Schwarz elegant. Ganz leicht ehrlich. Unbiegsam. Etwas blind und quellnasig. Manchmal aber eben auch mottig, wenn die Stimmung es erforderte. Gerettet lediglich durch Gesichtszüge.

Schließlich betrat sie das Gebäude. Irgendein reicher Schmock gab eine Penthouseparty, die erst sichtbar und vernehmbar wurde, wenn sich die Wände verwandelten. Wenn die Nacht gläsern wurde. Er besaß ein ganzes Dach, hatte darauf durch einen angesagten Architekten dreihundert Quadratmeter Fläche entwerfen, Mauern, ganze Räume ziehen lassen, immer da, wo sie gerade notwendig waren, was der ganzen Architektur etwas Karges, Spärliches, fast Eindimensionales verlieh. Er gehörte zu diesen Menschen, die keine Wünsche hatten. Der Reichtum hatte es ihm lediglich eines Tages bestätigt.
«Ich kenne niedliche Mädchen, reiche Geschäftsleute, fette Kohle, große Limousinen, flotte Flitzer, rasierte Models, klaffende…»
«Ich denke gerne ohne Adjektive!» stellte sie sich vor.
Ein eigener Fahrstuhl führte direkt in sein Appartement. Als Schoseffah ihn betrat, hoffte sie nur, dass er nicht steckenblieb. Natürlich war sie sich darüber im Klaren, dass Fahrstühle nicht einfach in die Tiefe sausten oder dabei irgendein Metallseil riß. Das waren die Mythen der Horrorfilme, wobei sie, unabhängig davon, wie groß ein Lift war, grundsätzlich blutüberströmte und übereinandergestapelte Gliedmaßen vor sich sah, die irgendwie in Metall, Draht und Stein eingeklemmt waren.

In dieser kleinen Kammer an Spiegeln, in der sie umzingelt von sich selbst war - Guten Tag, Frau Storch! -, setzte sich etwas Summendes, vielleicht auch Surrendes auf ihre Schulter.
«Was willst du von mir?»
«Wenn du mich tötest, beraubst du dich selbst um zehn Jahre Leben.»
«Warum sollte ich dich töten?»
«Weil ihr so seid!»
«Aber du bedrängst mich doch?»
«Weil ich es muss!»
Schoseffah schlug um sich, erwischte aber nichts. Was bedeuteten auch zehn Jahre in einer allmächtigen Illusion?
«Es gibt eine neue Art zu lesen!» sprach sie vor sich hin. «Eine neue Art zu begreifen!»
Als sich die Pforten öffneten, sie selbst sich zweifach auseinanderschob, denn auch die Tür des Fahrstuhls war nur Spiegel, traf sie auf ein Meer an Gesichtern und weiß knöcherige Hände, die ihre Gläser umspannten. Schlüssel klimperten, Olivenkerne wurden gegen die Wände gespuckt. Geschüttelt wurde nicht nur das Getränk. Ein vereinzelter Betonklotz auf einem stufenförmigen Sockel im Eingang verbildlichte die grell moderne Kunst. "Mahnmal" stand darauf gestempelt.

War es da ein Wunder, das sie hier landete? Ausgerechnet hier? Zehn Minuten später, auf dem einfachen Eisengeländer: sechs Zentimeter Breite. Leicht rostig. Auf einem Balkon?
Vorsichtig setzte sie einen Fuß vor den anderen. Rechts von ihr fiel das gesamte Sein in die Tiefe, als gestreiftes Ende auf dunklem Asphalt, über das der Verkehr strömte. Links von ihr stand die Meute, klatschte, jubelte, wettete.

«Bist du wahnsinnig?» schrie irgendjemand als ein Echo, das in ihrem Schädel von Wand zu Wand wogte.
«Du hast meinen Salto noch nicht gesehen!“ erwiderte sie ins Nichts.
«Warum tust du das?»
«Weil ich keine Angst vor dem Leben habe!»
«Du meinst, vor dem Tod?»
«Auch das ist Freiheit!»

Sie blieb stehen, schwankte kurz hin und her und verstand. Sie sprang von der Balustrade, zwischen die Enttäuschten. Beim nächsten Mal würde sie ein rotes Kleid tragen.

 



 

 

 

6.


 

Es war einmal ein junges Mädchen, mit dem Namen Liese Stampf. Sie war nicht gerade fett wie ein Mastschwein, jedoch verstand sie es nicht so recht, richtig aufzutreten, warum ihr Schritt unbeholfen und elefantig wirkte. Manch einer würde es einen Gehfehler nennen. Andere sagten Plattfüße dazu.
Sie setzte den Fuß ganz einfach mit der Ferse auf, doch eigentlich kann man auch nicht von 'setzen' sprechen, denn sie schmetterte ihre Schritte bis über mehrere Wohnungen hinaus, die unter ihr lagen, so dass das ganze Haus in seinen Rissen erzitterte. Sobald sie sich erhob und von einem Ort in ihrer Wohnung zum anderen ging, erscholl in mächtigem Echo das Stampfen ihrer Schritte und ließ die Wände erbeben.
Das Tragische dieser Geschichte jedoch war, dass sie davon nichts ahnte. Sie hatte nie gelernt, richtig aufzutreten, hatte immer eine Abneigung gegen die schwingenden Schritte von Balletttänzerinnen, auf die ihre Mutter so gerne zu deuten pflegte, wenn sie mit ihrer Tochter in 'Schwanensee' saß, während Liese sich schrecklich langweilte.

Sie lief und wusste nichts davon, dass es gerade ihr Schritt war, der ihr zum Verhängnis werden sollte. Sie wunderte sich nur, wenn sie durch das Treppenhaus ging, dass die Nachbarn sie nicht grüßten, dass sogar einige sofort ihren Blick abwendeten oder sie zornig anfunkelten.
Sie dachte sich, dass es wohl an ihrer Einstellung zur Welt lag, dass sie vielleicht innerlich mit etwas kämpfte, was ihr im Außen wieder begegnete oder besser ausgedrückt: widerbegegnete. Es musste da etwas in ihr vor sich hingrollen, das ihr dermaßen viel Abneigung entgegenbrachte und dessen sie sich nur nicht bewusst war.
Sie fragte sich: Meide ich die Menschen? Manchmal. Verachte ich sie? Nein. Mag ich sie? Nein. All das blieben Fragen mit Antworten, die sich beständig im Kreise drehten.
Das wiederum führte zu viel Unruhe, die sie quälte und ihr den Schlaf raubte. Bald wagte sie sich kaum noch aus der Wohnung, fürchtete die Abweisung vor der Tür, die ihr bewies, dass sie ihr Inneres immer noch nicht aufgeräumt hatte. Stattdessen putzte sie die Wohnung. Schrubbte die Wände, die Kacheln, den Teppich. Wischte über Böden und Tische, auf denen nichts bereitet wurde.
«Was mache ich nur falsch? Was kann ich tun?» dachte sie voller Schrecken und schritt auf und ab, als die Sonne unterging, und auf und ab, als sie wieder aufging.
Schließlich vergaß sie ihre Hinterfragungen, behielt lediglich den unruhigen Gang bei. Dehnte diesen aber auch wieder aus, verließ die Wohnung, das Haus, manchmal sogar für einige Tage die Stadt. Sie irrte dann durch die Fremde, blickte vor sich auf den Boden und grübelte ohne Gedankenformen und Geistbauten, holte sich lediglich Moment-Fragen vor Augen, die wahr oder falsch sein konnten, solange sich der Sinn auf die Welt anwenden ließ.
«Sind meine Finger blau? Ist die Ampel rot? Kommt der Zug pünktlich?» Solcherlei Denken ging ihr durch den Kopf.

Als Schoseffah ihr eines Tages zufällig auf der Straße begegnete – sie kannten einander nicht, waren sich auch nie zuvor irgendwo begegnet -, blieb sie stehen, wartete, bis sich Liese Stampf auf Augenhöhe befand und trat ihr mit voller Wucht gegen das Schienenbein.
«Warum hast du das getan?» heulte Liese auf und hielt sich ihr Bein, sprang auf und ab.
«Das Problem liegt bei dir. Ebenso die Lösung.» antwortete ihr Schoseffah und ging weiter, zurück in ihre eigene Geschichte.

Liese Stampf blickte sich eine Weile flehentlich um, war eingekreist zwischen Wegblickenden und Gesichtslosen, humpelte schließlich nach Hause, warf sich auf das Bett und weinte.
Sie weinte über mehrere Tage hinweg, längst, als ihr Bein nicht mehr schmerzte, als darauf der blaue Fleck langsam die Farbe wechselte, schließlich ganz verschwand. Sie lag und weinte, rief «Mein Gott, warum hast du mich verlassen?» oder einfach nur «Mein Gott!» und vergoss dabei etliche Tränen.
Währenddessen zog über ihr ein neuer Bewohner ein. Die Zeit floß natürlich gnadenlos weiter, und trotz all der Traurigkeit, die Liese wie eingefrorene Momente des Untergangs erschienen, tat die Welt so, als ginge es sie nichts an, als wäre sie Gefangener ihres eigenen Rhythmus’.
«Du kannst wegsterben und keinen juckt es!» schimpfte sie, bis sie darüber lachen musste.

Nach und nach nahm sie ihre Umgebung wieder mit voller Aufmerksamkeit wahr. Sie lauschte den Geräuschen des neuen Nachbarn, seinen Schritten, den Bewegungen, lauschte auf das Herumschieben der Möbel, das Verlegen des neuen Parketts, was ihr in lauten Hammerschlägen wie gespielt auf Orff-Instrumenten durch den Körper klackerte. Darin fand sie Trost und konnte endlich wieder gelöst einschlafen.
Die Nacht verschwand, der Traum umfing sie und breitete vor ihr eine Landschaft farbenfroher Stille aus, durch die sie voll Erstaunen dahinschritt, als auf einmal vor ihr mächtige Löcher mit lautem Getöse einsanken. Wusch… wusch… und ein riesiger Krater öffnete sich. Wusch… und ein weiterer, ganz in der Nähe. Sie blieb erstarrt stehen, lag dann im Kissen, schreckte aus dem Schlaf.
Der Bewohner über ihr bohrte in die Wand, dass es durch das ganze Haus quietschte und rasselte, bohrte sich um Leib und Seele, als stünde er direkt neben ihr im Zimmer und bohrte da auch direkt über ihrem Kopf in die Wand.
Durch ihren Schädel dröhnte dieser Ton, setzte sich fest und vibrierte als eigenes kleines Echo nach, um dann Echo von seinem Echo zu werden. Und das Bohren nahm kein Ende. Er bohrte morgens, mittags, abends und in der Nacht. Das war sein Hobby. Löcher bohren. Das war seine Sucht.
Liese Stampf versuchte einige Male, mit einem Besenstiel gegen die Zimmerdecke zu klopfen, doch durch das Bohrgeräusch wirkte ihr Klopfen wie das zaghafte Kratzen an der Tapete. Auch als sie hinaufging und bei ihm klingelte, vernahm sie lediglich die Antwort des Bohrers.
Sie versuchte es mit Watte, mit Orangenschalen, den eigenen Fingern. Sie stopfte Kissen, Brotkrümel, Socken in die Ohren. Sie kaufte sich Ohrenstöpsel. Nichts half, der Schlaf erreichte sie lediglich dann, wenn die Erschöpfung sie übermannte. Dann kippte sie ins Bett und schlummerte wenige, unruhige Stunden vor sich hin. Sie magerte ab, fühlte sich hin und wieder verfolgt, spürte Kälte in den Knochen.
Doch sie war zufrieden.
Sie war wirklich zufrieden.
Denn wenn sie jetzt durch das Treppenhaus ging, grüßten die Leute, sagten «Guten Tag, Frau Stampf!» oder nannten sie beim Vornamen, und manch einer hielt sogar ein Schwätzchen.
Schon morgens ging sie pfeifend aus dem Haus, schlenderte wieder gerne durch die Stadt, genoss das Meer in der Ferne, die Schreie des Marktes, den Staub der Wege.
Nur als sie eines Tages Schoseffah auf der gegenüberliegenden Straße erblickte, flüchtete sie hastig in eine Nebengasse.

Als Schoseffah eines Morgens erwachte, fühlte sie sich nicht verwandelt, jedoch leicht verändert. Irgendwer hatte sie aufstehen, durch Straßen gehen und etwas tun lassen, was sie gar nicht wollte.
Als sie das Fenster öffnete, hatte sie dieses merkwürdige Gefühl bereits wieder vergessen. Die Stadt lag noch ruhig und setzte sich dort irgendwo am Horizont erst durch Buchstabe für Buchstabe allmählich zusammen. Nur der Ton drang zu ihr herüber. Ein Klackern. Klack klack klack. Mal schneller und mal langsamer.
«Naked Lunch» dachte sie belustigt. «Es wird Zeit für Naked Lunch, damit der Ton sein Ende hat und schmierig vor sich hintropft!»

Als Schoseffah eines Morgens erwachte, war sie wach.